Ein lauer Sommerabend, ein plötzlicher Regenschauer, und wenn Sie im Dunkeln mit der Taschenlampe an Ihrer Fassade entlangleuchten, trauen Sie Ihren Augen kaum: Dutzende, vielleicht sogar hunderte kleiner, grauer Panzertierchen krabbeln das Mauerwerk hinauf. Kellerasseln an der Hauswand sind ein Phänomen, das viele Hausbesitzer zunächst erschreckt. Die Assoziation mit Ungeziefer oder Bauschäden liegt nahe. Doch bevor Sie zur chemischen Keule greifen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Biologie dieser faszinierenden Überlebenskünstler. Warum verlassen diese bodenbewohnenden Krebstiere ihr sicheres Erdreich, um senkrechte Wände zu erklimmen? Was suchen sie im Putz oder hinter dem Efeu? Und vor allem: Ist ihre Anwesenheit ein Warnsignal für den Zustand Ihrer Immobilie?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Schädlinge: Kellerasseln fressen weder intaktes Holz noch Mauerwerk. Sie ernähren sich ausschließlich von totem, organischem Material.
- Symptom, nicht Ursache: Eine große Anzahl an Asseln an der Fassade deutet auf ein hohes Feuchtigkeitsangebot am Fundament oder in Wandrissen hin.
- Kalziumbedarf: Der Putz und Mörtel von Hauswänden zieht Asseln an, da sie das darin enthaltene Kalzium für ihren Panzeraufbau benötigen.
- Fluchtverhalten: Nach starkem Regen klettern Asseln Wände hinauf, um nicht in Staunässe zu ertrinken, da sie zwar Kiemen haben, aber dennoch ersticken können.
- Natürliche Regulation: Durch das Entfernen von feuchtem Laub am Sockel und das Abdichten von Rissen verschwinden die Tiere meist von selbst.

Warum klettern Kellerasseln überhaupt an der Hauswand hoch?
Um zu verstehen, warum sich Kellerasseln (Porcellio scaber) oder Mauerasseln (Oniscus asellus) an vertikalen Strukturen wie Hauswänden aufhalten, müssen wir einen Blick auf ihre einzigartige Evolutionsgeschichte werfen. Asseln sind die einzigen Krebstiere, die den Schritt aus dem Meer dauerhaft an Land geschafft haben [2]. Dieser Landgang bringt jedoch physiologische Herausforderungen mit sich, die ihr Verhalten an unseren Gebäuden direkt erklären.
1. Die Suche nach Kalzium (Der Putz-Faktor)
Einer der Hauptgründe, warum Asseln gezielt Hauswände aufsuchen, ist ihr enormer Bedarf an Kalzium. Im Gegensatz zu Insekten besitzen Asseln einen stark verkalkten Panzer (Cuticula), den sie regelmäßig erneuern müssen. Bis sie geschlechtsreif sind, häuten sie sich etwa 14 Mal [2]. Da sie in terrestrischen Ökosystemen oft nur schwer an ausreichend Kalzium gelangen, nutzen sie jede verfügbare Quelle. Hauswände, insbesondere solche mit kalkhaltigem Putz, Mörtelfugen oder verwittertem Zement, stellen für sie eine regelrechte Mineralstoff-Mine dar. Sie nehmen kleinste Kalkpartikel auf oder fressen sogar ihre eigenen, abgeworfenen Panzer (Exuvien), um das wertvolle Kalzium zu recyceln [2].
2. Flucht vor Staunässe (Der Regen-Effekt)
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Wände besonders nach starken Regenfällen voller Asseln sind? Obwohl Asseln über Kiemen an ihren Hinterleibsbeinen (Pleopoden) atmen und ein feuchtes Milieu zwingend benötigen, können sie in wassergesättigten Böden ertrinken [1, 2]. Wenn der Boden rund um das Hausfundament durch Starkregen überflutet wird, setzt ein natürlicher Fluchtreflex ein. Die Hauswand bietet die nächstgelegene, sichere Erhebung. Hier ist es feucht genug, um ihre Kiemenfunktion aufrechtzuerhalten, aber sie entgehen der tödlichen Staunässe.
3. Mikroklima und Kletterpflanzen (Efeu als Autobahn)
Fassadenbegrünungen wie Efeu oder Wilder Wein sind ökologisch wertvoll, schaffen aber auch das perfekte Mikroklima für Landasseln. Asseln zeigen eine ausgeprägte negative Phototaxis (sie fliehen vor Licht) und eine starke Thigmokinesis (sie suchen den physischen Kontakt zu Oberflächen, um sich sicher zu fühlen und Wasserverlust zu minimieren) [3, 4]. Das dichte Blattwerk an der Hauswand schützt sie vor der austrocknenden Sonne und vor Fressfeinden wie Vögeln oder dem Asseljäger-Spezialisten, der Sechsäugigen Waldspinne (Dysdera crocata) [3]. Unter dem Efeu finden sie zudem reichlich abgestorbenes Pflanzenmaterial, ihre Hauptnahrungsquelle [1].
Wussten Sie schon? Das Wasserleitsystem der Asseln
Dass Asseln an einer scheinbar trockenen Wand überleben können, verdanken sie einem genialen Trick der Natur. Sie besitzen ein offenes Wasserleitsystem aus feinen Rinnen an der Körperoberfläche. Sie scheiden flüssigen Harn (inklusive Ammoniak) am Kopf aus, der durch diese Rinnen zu den Kiemen am Hinterleib fließt. Der Ammoniak verdunstet, und das gereinigte Wasser befeuchtet die Kiemen, sodass die Assel auch an der Hauswand atmen kann [2].
Sind Kellerasseln an der Fassade ein Grund zur Sorge?
Die kurze Antwort lautet: Nein, die Asseln selbst sind völlig harmlos. Sie besitzen keine Beißwerkzeuge, die intaktes Holz, Stein, Beton oder Dämmmaterialien beschädigen könnten. Sie sind reine Destruenten (Zersetzer), die sich von totem organischem Material, Pilzmyzelien und Bakterienrasen ernähren [1, 3].
Die lange Antwort lautet jedoch: Sie sind ein Bioindikator. Wenn Sie dauerhaft große Mengen an Kellerasseln an Ihrer Hauswand oder im Sockelbereich feststellen, deutet dies auf ein Feuchtigkeitsproblem hin. Asseln besitzen keine schützende Wachsschicht auf ihrem Panzer und trocknen extrem schnell aus [1, 5]. Sie können sich nur dort in Massen aufhalten, wo die relative Luftfeuchtigkeit dauerhaft hoch ist.
Was die Asseln über Ihr Haus verraten
- Defekte Regenrinnen oder Fallrohre: Tropft permanent Wasser an die Fassade, entsteht ein feuchtes Mikroklima, das Asseln magisch anzieht.
- Mangelhafte Sockelabdichtung: Wenn Feuchtigkeit aus dem Erdreich in das Mauerwerk aufsteigt (Kapillarwirkung), siedeln sich oft Algen und mikroskopische Pilze an der Wand an – ein Festmahl für Asseln.
- Verrottendes Holz: Haben Sie Holzverkleidungen an der Fassade, die bereits durch Pilze vorgeschädigt sind? Asseln fressen das morsche Holz nicht primär wegen des Holzes, sondern wegen der darin enthaltenen Pilze und Mikroorganismen [3].

Das Aggregationsverhalten: Warum hängen sie in Klumpen an der Wand?
Oft sieht man nicht nur einzelne Asseln, sondern regelrechte "Trauben" von Tieren, die sich in Rissen, Fugen oder hinter abgeplatztem Putz zusammenballen. Dieses Phänomen wird in der Biologie als Aggregation bezeichnet und ist ein hochkomplexes Sozialverhalten, das dem Überleben dient [4, 5].
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Aggregation bei Asseln ein Kompromiss zwischen individuellen Vorlieben und sozialer Interaktion ist. Wenn eine Assel einen Riss in der Hauswand findet, der dunkel und leicht feucht ist, sondert sie über ihre Fäkalien Pheromone ab [3, 4]. Andere Asseln riechen dies und gesellen sich dazu. Durch das enge Zusammenrücken (Klumpenbildung) reduzieren die Tiere ihre exponierte Körperoberfläche drastisch. Das Mikroklima innerhalb dieses Assel-Haufens ist deutlich feuchter als die Umgebungsluft, was den Wasserverlust der Einzeltiere minimiert [4]. Wenn Sie also ein solches Nest an der Wand finden, haben die Tiere dort eine Überlebensstrategie gegen die Austrocknung an der ansonsten zugigen Fassade gebildet.

Effektive und tierfreundliche Maßnahmen gegen Kellerasseln an der Hauswand
Da Kellerasseln nützliche Humusbildner sind und sogar Schwermetalle im Boden binden können [2], verbietet sich der Einsatz von Insektiziden oder chemischen Giften. Zudem würde Gift das eigentliche Problem – die Feuchtigkeit – nicht lösen. Mit den folgenden baulichen und ökologischen Maßnahmen machen Sie Ihre Hauswand für Asseln unattraktiv, ohne den Tieren zu schaden.
1. Den Sockelbereich freiräumen (Die Trockenbarriere)
Asseln benötigen feuchte "Trittsteine", um vom Boden an die Wand zu gelangen. Liegt Herbstlaub, Rindenmulch oder feuchter Kompost direkt am Hausfundament an, dient dies als Brutstätte. Die Lösung: Legen Sie einen etwa 30 bis 50 Zentimeter breiten Streifen aus grobem Kies oder Schotter rund um das Hausfundament an (Spritzschutzstreifen). Dieser Streifen trocknet nach einem Regen extrem schnell ab. Da Asseln offene, trockene Flächen meiden (Gefahr der Austrocknung und Prädation), bildet der Kiesstreifen eine unüberwindbare Barriere zur Hauswand.
2. Risse und Fugen im Mauerwerk verschließen
Wie bereits erwähnt, suchen Asseln durch ihre Thigmokinesis (Kontaktbedürfnis) gezielt nach engen Spalten [3]. Risse im Putz, offene Dehnungsfugen oder Spalten an Kellerfenstern bieten ideale Tagesverstecke. Kontrollieren Sie die Fassade systematisch und verschließen Sie Risse mit geeignetem, atmungsaktivem Fugenmörtel oder Dichtmasse. Ohne diese Rückzugsorte können die nachtaktiven Tiere den Tag an der Wand nicht überleben und werden sich wieder in den Boden zurückziehen.
3. Fassadenbegrünung auslichten
Wenn Efeu oder Kletterhortensien die Wand bedecken, staut sich dahinter die Luftfeuchtigkeit. Zudem sammeln sich abgestorbene Blätter in den Ranken. Schneiden Sie Kletterpflanzen im bodennahen Bereich (die ersten 30 Zentimeter) ab, sodass die Luft am Sockel zirkulieren kann. Entfernen Sie regelmäßig totes Pflanzenmaterial aus dem Rankgitter.
4. Die Lockfalle: Umsiedeln statt bekämpfen
Wenn sich sehr viele Asseln an einer bestimmten Stelle der Wand sammeln, können Sie diese ganz einfach umsiedeln. Legen Sie abends einen feuchten Jutesack, einen ausgehöhlten halben Kartoffel oder eine feuchte, morsche Holzbohle direkt an den Fuß der betroffenen Wand. Die Asseln werden dieses optimale, feuchte Nahrungsangebot der kargen Wand vorziehen. Am nächsten Morgen können Sie die Falle samt Asseln vorsichtig aufnehmen und auf den Komposthaufen im Garten legen – dort leisten die Tiere als Humusbildner hervorragende Arbeit [1].
Achtung: Keine Biozide verwenden!
Der Einsatz von Insektiziden an der Außenfassade ist nicht nur ökologisch bedenklich, sondern bei Asseln oft wirkungslos. Da Asseln Krebstiere und keine Insekten sind, wirken viele handelsübliche Insektengifte nicht spezifisch. Zudem waschen Regenfälle das Gift in den Boden, wo es das Grundwasser belastet. Die Ursache (Feuchtigkeit) bleibt bestehen, und die nächste Generation Asseln rückt nach dem nächsten Regen einfach nach.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Fressen Kellerasseln die Hauswand oder die Dämmung kaputt?
Nein. Kellerasseln haben Mundwerkzeuge, die nur für das Zerkleinern von weichem, verrottendem organischem Material (wie totem Laub oder morschem Holz) ausgelegt sind. Sie können weder intakten Putz, noch Beton oder moderne Dämmstoffe anfressen. Wenn sie an der Wand sitzen, weiden sie lediglich mikroskopische Algen oder Pilze ab oder suchen nach Kalzium.
Warum sehe ich die Asseln an der Fassade fast nur nachts?
Asseln sind extrem empfindlich gegenüber Austrocknung und UV-Strahlung. Sie sind strikt nachtaktiv, da die Luftfeuchtigkeit nachts steigt und die Temperaturen sinken. Sobald es hell wird, ziehen sie sich in dunkle, feuchte Ritzen im Mauerwerk oder zurück in den Boden am Fundament zurück.
Kommen die Asseln von der Außenwand ins Haus?
Das kann passieren, wenn sich Risse im Mauerwerk bis nach innen ziehen oder Fenster und Türen undicht sind. Allerdings überleben Asseln in normalen, trockenen Wohnräumen nur wenige Tage, da sie dort vertrocknen. Lediglich in feuchten Kellern können sie sich dauerhaft ansiedeln.
Bedeuten viele Asseln an der Wand, dass mein Haus einen Wasserschaden hat?
Nicht zwingend einen massiven Bauschaden, aber sie sind ein starker Indikator für lokale Feuchtigkeit. Es kann sich um ein überlaufendes Regenrohr, Spritzwasser durch fehlenden Kiesstreifen oder aufsteigende Bodenfeuchte handeln. Eine Überprüfung der betroffenen Wandstelle auf Feuchtigkeit ist in jedem Fall ratsam.
Welche Hausmittel helfen, um die Asseln von der Wand fernzuhalten?
Das wirksamste "Hausmittel" ist Trockenheit. Ein Kiesstreifen am Sockel und das Entfernen von Laub wirken Wunder. Alternativ können Sie stark riechende Kräuter wie Salbei oder Lavendel am Fundament pflanzen, deren ätherische Öle von Asseln oft gemieden werden. Auch das Ausstreuen von Gesteinsmehl am Sockel entzieht der Umgebung Feuchtigkeit und wirkt abweisend.
Fazit
Kellerasseln an der Hauswand sind kein Grund zur Panik, sondern ein faszinierendes Schauspiel der Natur. Die kleinen Krebstiere nutzen die Fassade als Zufluchtsort vor überfluteten Böden, als Kalziumquelle für ihren Panzer und als feuchtes Mikroklima unter Kletterpflanzen. Da sie keine Schäden an der Bausubstanz anrichten, ist eine chemische Bekämpfung völlig unnötig und umweltschädlich. Betrachten Sie die Tiere vielmehr als nützliche Feuchtigkeits-Detektive. Wenn Sie den Sockelbereich Ihres Hauses trocken und laubfrei halten, Risse abdichten und für eine gute Belüftung der Fassade sorgen, verschwinden die Asseln ganz von allein dorthin zurück, wo sie hingehören: in den Gartenboden, wo sie als unverzichtbare Humusbildner wertvolle Arbeit leisten.
Quellenangaben
- Umweltbundesamt: Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Informationen zur Biologie und ökologischen Bedeutung von Landasseln als Humusbildner.
- Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftskommunikation zur Physiologie der Asseln (Wasserleitsystem, Kiemenatmung, Kalziumbedarf).
- Animal Diversity Web (University of Michigan): Porcellio scaber. Ökologische Profile, Verhalten (Thigmokinesis, negative Phototaxis) und Prädation.
- Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011): Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2). Studie zum Aggregationsverhalten und Schutz vor Austrocknung.
- Broly, P. et al. (2012): Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133-144. Untersuchung zur Klumpenbildung in feuchten Mikroklimata.