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Kellerasseln im Blumentopf: Ursachen, Bedeutung & sanfte Entfernung
April 29, 2026 Patricia Titz

Kellerasseln im Blumentopf: Ursachen, Bedeutung & sanfte Entfernung

Wenn Sie beim Gießen Ihrer geliebten Zimmerpflanze plötzlich kleine, graue, panzerartige Tierchen über die Blumenerde flitzen sehen, ist der erste Schreck oft groß. Kellerasseln im Blumentopf wirken auf den ersten Blick wie ein Schädlingsbefall, der schnelles Handeln erfordert. Doch bevor Sie zu chemischen Abwehrmitteln greifen, lohnt sich ein genauerer Blick auf diese faszinierenden Überlebenskünstler. Die Anwesenheit von Kellerasseln (Porcellio scaber) in Ihren Pflanzgefäßen ist nämlich weniger eine Bedrohung für Ihre grüne Oase, sondern vielmehr ein hochpräziser biologischer Indikator für den Zustand Ihres Bodensubstrats und das Mikroklima im Topf. In diesem tiefgehenden Leitfaden entschlüsseln wir die biologischen Hintergründe, warum sich diese landlebenden Krebstiere ausgerechnet Ihre Zimmerpflanze als Habitat ausgesucht haben, ob sie den Wurzeln schaden können und mit welchen sanften Methoden Sie das ökologische Gleichgewicht wiederherstellen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Keine Insekten, sondern Krebstiere: Kellerasseln atmen über Kiemen und benötigen zwingend eine hohe Feuchtigkeit zum Überleben.
  • Nützliche Destruenten: Sie ernähren sich primär von abgestorbener organischer Substanz (tote Wurzeln, Pilze, faulendes Holz) und wandeln diese in wertvollen Humus um.
  • Keine direkten Pflanzenschädlinge: Gesunde, lebende Wurzeln werden von Asseln in der Regel verschont.
  • Indikator für Pflegefehler: Ein starker Asselbefall im Blumentopf deutet fast immer auf Staunässe, zu feuchtes Substrat oder stark zersetzte Blumenerde hin.
  • Sanfte Umsiedlung: Mit einfachen Ködern (z.B. Kartoffelscheiben) oder durch Umtopfen lassen sich die Tiere leicht einfangen und im Garten aussetzen.
Lebensbedingungen der Kellerassel im Ökosystem Blumentopf.
Lebensbedingungen der Kellerassel im Ökosystem Blumentopf.

Das Mikroklima Blumentopf: Warum Asseln sich hier wohlfühlen

Um zu verstehen, warum Kellerasseln den Weg in Ihre Blumentöpfe finden, müssen wir einen Blick auf ihre einzigartige Evolutionsgeschichte werfen. Obwohl sie an Land leben, gehören Asseln (Isopoda) zur Klasse der Höheren Krebse (Malacostraca) [2]. Der evolutionäre Landgang dieser Tiere ist ein faszinierender Kompromiss, der ihre Habitatwahl bis heute diktiert.

Die physiologische Abhängigkeit von Feuchtigkeit

Im Gegensatz zu Insekten fehlt den Landasseln eine schützende Wachsschicht (Lipidschicht) auf ihrem Chitinpanzer [1]. Diese fehlende Barriere macht sie extrem anfällig für Austrocknung (Desikkation) [4]. Zudem atmen Kellerasseln primär über Kiemen, die sich an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) befinden. Diese Kiemen müssen permanent von einem dünnen Feuchtigkeitsfilm überzogen sein, um den Gasaustausch zu gewährleisten [2]. Ein feucht gehaltener Blumentopf simuliert für die Assel exakt die Bedingungen des Waldbodens: Die Erde speichert Wasser, die Blätter der Pflanze spenden Schatten und reduzieren die Verdunstung. Wenn Sie Ihre Pflanzen reichlich gießen, erschaffen Sie unbewusst ein perfektes, überlebenswichtiges Mikroklima für diese Krebstiere.

Nahrungsangebot: Der Blumentopf als All-Inclusive-Buffet

Kellerasseln sind sogenannte saprophage Detritivoren. Das bedeutet, sie ernähren sich von totem, sich zersetzendem organischem Material [3]. Handelsübliche Blumenerde besteht zu großen Teilen aus Torf, Kompost, Rindenhumus oder Kokosfasern. Im Laufe der Zeit zersetzen Bodenmikroorganismen und Pilze dieses Substrat. Für die Kellerassel ist dies ein gefundenes Fressen. Sie weiden die mikrobiellen Biofilme ab und fressen zersetztes Pflanzenmaterial [3]. Ein Blumentopf, dessen Erde schon länger nicht gewechselt wurde und der vielleicht noch abgestorbene Wurzelteile der Zimmerpflanze enthält, bietet den Tieren Nahrung im Überfluss. Interessanterweise besitzen Asseln in ihrem Mitteldarmdrüsen-System (Hepatopankreas) endosymbiotische Bakterien (wie Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis), die ihnen helfen, schwer verdauliche Zellulose aus dem Pflanzensubstrat aufzuspalten [3].

Wichtiger Hinweis zur Substratqualität

Wenn Sie eine große Population von Asseln in Ihrem Blumentopf feststellen, ist dies ein starkes Indiz dafür, dass die Blumenerde ihre Struktur verloren hat. Stark zersetzte Erde verdichtet sich, speichert zu viel Wasser und lässt keine Luft mehr an die Wurzeln. Die Asseln sind hier nur das Symptom, nicht die Ursache des Problems.

Aggregationsverhalten: Warum sind es immer gleich so viele?

Oft entdeckt man nicht nur eine einzelne Assel, sondern gleich ein ganzes Knäuel der Tiere unter dem Blumentopf oder dicht gedrängt an der Erdoberfläche. Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern eine überlebenswichtige Verhaltensstrategie, die in der Biologie als Aggregation bezeichnet wird [4].

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Kellerasseln ein starkes thigmokinetisches Verhalten aufweisen: Sie verlangsamen ihre Bewegung, wenn sie physischen Kontakt zu Objekten oder Artgenossen haben [3]. Durch das Zusammenrotten in Gruppen reduzieren sie die exponierte Körperoberfläche des Einzelnen drastisch. Dies minimiert den Wasserverlust durch Verdunstung (Transpiration) enorm [4]. Wenn die Blumenerde an der Oberfläche leicht antrocknet, ziehen sich die Asseln in die tieferen, feuchteren Schichten des Topfes zurück und bilden dort dichte Cluster. Sie kommunizieren dabei vermutlich über Pheromone, die über den Kot abgegeben werden, um sich gegenseitig auf optimale, feuchte Rückzugsorte im Wurzelballen aufmerksam zu machen [3].

Speiseplan der Kellerassel: Nützling vs. Schädling bei Überpopulation.
Speiseplan der Kellerassel: Nützling vs. Schädling bei Überpopulation.

Fressen Kellerasseln die Wurzeln meiner Zimmerpflanzen?

Die größte Sorge von Pflanzenfreunden ist, dass die ungebetenen Gäste die Wurzeln der Zimmerpflanze anfressen und diese dadurch absterben könnte. Hier kann aus biologischer Sicht weitgehend Entwarnung gegeben werden.

Kellerasseln haben Mundwerkzeuge, die für das Zerkleinern von weichem, bereits mürbem Material ausgelegt sind. Gesunde, pralle und lebende Pflanzenwurzeln gehören nicht zu ihrem natürlichen Nahrungsspektrum [1]. Sie agieren im Blumentopf als Nützlinge, die abgestorbene Feinwurzeln beseitigen und durch ihre Ausscheidungen Nährstoffe wieder für die Pflanze verfügbar machen (Remineralisierung) [2].

Es gibt jedoch eine Ausnahme: Wenn die Population im Blumentopf extrem anwächst (Überpopulation) und gleichzeitig das Angebot an totem organischem Material erschöpft ist, können die Tiere aus reiner Hungernot auf lebendes Gewebe ausweichen. In solchen seltenen Fällen können feine Haarwurzeln oder frisch gekeimte Sämlinge, die sich im selben Topf befinden, beschädigt werden. Ein weiteres Problem kann indirekt entstehen: Durch ihre ständige Wühltätigkeit im ohnehin schon verdichteten Substrat können sie Hohlräume um die Wurzeln schaffen, wodurch diese den Kontakt zur Erde verlieren und austrocknen.

Wie kommen die Asseln überhaupt in die Wohnung?

Da Kellerasseln keine weiten Strecken über trockene Fußböden zurücklegen können, ohne zu vertrocknen, stellt sich die Frage nach dem Einschleppungsweg. In den meisten Fällen gelangen die Tiere durch folgende Wege in Ihre Blumentöpfe:

  • Sommerfrische im Freien: Zimmerpflanzen, die den Sommer auf dem Balkon oder der Terrasse verbracht haben, werden im Herbst oft mitsamt blinden Passagieren wieder eingeräumt. Die Asseln wandern durch die Abflusslöcher im Topfboden ein.
  • Kontaminierte Blumenerde: Günstige oder falsch gelagerte Blumenerde (z.B. Säcke, die im Baumarkt draußen im Regen lagen) enthält oft bereits Asseln oder deren Eier. Da Asseln ihre Eier und Larven in einem flüssigkeitsgefüllten Brutbeutel (Marsupium) am Bauch tragen [2], reicht oft schon ein einziges trächtiges Weibchen aus, um eine Population im Topf zu gründen.
  • Überwinterung im Keller: Pflanzen, die in dunklen, feuchten Kellerräumen überwintert werden, sind ein Magnet für die dort ohnehin ansässigen Kellerasseln.
Drei sanfte Methoden zur Umsiedlung von Kellerasseln.
Drei sanfte Methoden zur Umsiedlung von Kellerasseln.

Ökologische Entfernung: So siedeln Sie die Asseln aus dem Blumentopf um

Da Kellerasseln nützliche Humusbildner sind, verbietet sich der Einsatz von chemischen Insektiziden. Abgesehen davon, dass Insektizide bei Krebstieren oft ohnehin schlecht wirken, würden Sie damit das Bodenleben Ihrer Pflanze komplett zerstören und sich selbst unnötigen Giften in der Wohnung aussetzen. Nutzen Sie stattdessen das biologische Wissen über die Tiere, um sie sanft zu entfernen.

Methode 1: Die Kartoffel- oder Möhrenfalle (Der Nahrungs-Köder)

Machen Sie sich die Vorliebe der Asseln für feuchte, stärkehaltige Nahrung zunutze. Schneiden Sie eine rohe Kartoffel oder eine dicke Karotte in der Mitte durch und höhlen Sie die Schnittfläche leicht aus. Legen Sie diese Hälften mit der ausgehöhlten Seite nach unten direkt auf die Blumenerde im betroffenen Topf. Die Asseln werden durch die Feuchtigkeit und die Nahrung angelockt und sammeln sich über Nacht in der Höhlung. Am nächsten Morgen können Sie die Kartoffelhälfte mitsamt den Asseln einfach anheben und die Tiere auf dem Kompost oder im Gartenbeet ausschütteln. Wiederholen Sie diesen Vorgang einige Tage lang, bis keine Asseln mehr in die Falle gehen.

Methode 2: Das Umtopfen (Die nachhaltigste Lösung)

Wenn der Blumentopf stark besiedelt ist, ist das Substrat meist verbraucht. Die effektivste Methode ist daher ein kompletter Substratwechsel.

  1. Heben Sie die Pflanze vorsichtig aus dem Topf.
  2. Entfernen Sie die alte Erde so gründlich wie möglich von den Wurzeln. Sie können den Wurzelballen auch vorsichtig in einem Eimer mit lauwarmem Wasser ausspülen, um alle Asseln und deren Jungtiere zu entfernen.
  3. Entsorgen Sie die alte, asselhaltige Erde auf dem Kompost (nicht im Hausmüll, dort sterben die nützlichen Tiere).
  4. Reinigen Sie den Blumentopf gründlich mit heißem Wasser.
  5. Pflanzen Sie das Gewächs in frische, hochwertige und gut durchlässige Blumenerde.

Profi-Tipp: Drainage-Schicht anlegen

Um zukünftigen Assel-Besiedlungen vorzubeugen, füllen Sie beim Umtopfen als unterste Schicht Blähton oder Tonscherben in den Topf. Diese Drainage verhindert Staunässe im unteren Bereich des Topfes – genau dort, wo sich Asseln sonst am liebsten aufhalten und vermehren.

Methode 3: Trockenlegung des Mikroklimas

Da Asseln über Kiemen atmen, ist Trockenheit ihr größter Feind [1]. Wenn es die Pflanzenart zulässt (z.B. bei Sukkulenten, Bogenhanf oder robusten Grünpflanzen wie der Zamioculcas), lassen Sie die obersten Zentimeter der Blumenerde zwischen den Gießvorgängen komplett abtrocknen. Gießen Sie für einige Wochen nur noch über den Untersetzer (von unten) und schütten Sie überschüssiges Wasser nach 20 Minuten konsequent weg. Die trockene Erdoberfläche wird für die Asseln unbewohnbar, und sie können sich nicht weiter vermehren.

Bioakkumulation: Ein faszinierender Nebeneffekt der Asseln

Ein wissenschaftlich hochinteressanter Aspekt, der oft übersehen wird, ist die Fähigkeit der Kellerasseln zur Bioakkumulation. Asseln speichern Schwermetalle wie Kupfer, Zink, Blei und Cadmium in speziellen Bläschen in ihrer Mitteldarmdrüse [2]. Etwa 90 % aller Metallionen, die eine Assel aufnimmt, werden in ihrem Körper eingelagert und unschädlich gemacht. Wenn Sie also Asseln in Ihrem Blumentopf haben, fungieren diese als winzige, biologische Filter, die potenziell schädliche Stoffe aus der Blumenerde binden. Dies ist ein weiterer Grund, die Tiere nicht zu töten, sondern sie als wertvollen Teil des Ökosystems zu betrachten und sie lebend in die Natur zurückzuführen, wo sie ihre wichtige Arbeit als Destruenten fortsetzen können.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Kellerasseln im Blumentopf ein Zeichen für schlechte Pflanzenpflege?

Nicht zwingend für schlechte Pflege, aber sie sind ein starker Indikator für dauerhaft zu feuchte Blumenerde (Staunässe) und ein fortgeschrittenes Zersetzungsstadium des Substrats. Sie zeigen an, dass die Erde gewechselt oder das Gießverhalten angepasst werden sollte.

Können sich Kellerasseln vom Blumentopf aus in der ganzen Wohnung ausbreiten?

Nein. Da Kellerasseln Kiemenatmer sind und keine schützende Wachsschicht besitzen, vertrocknen sie in der normalen, trockenen Raumluft einer Wohnung meist innerhalb weniger Stunden. Sie bleiben daher standorttreu im feuchten Mikroklima des Blumentopfs.

Fressen Kellerasseln die Wurzeln meiner Zimmerpflanzen?

In der Regel nicht. Kellerasseln ernähren sich von totem, verrottendem organischem Material. Nur bei einer extremen Überpopulation und absolutem Nahrungsmangel könnten sie vereinzelt sehr feine, lebende Haarwurzeln anfressen.

Sollte ich Insektizide gegen Asseln im Blumentopf einsetzen?

Auf keinen Fall. Asseln sind Krebstiere, keine Insekten. Insektizide wirken oft schlecht, vergiften aber die Blumenerde und das Raumklima. Sanfte Methoden wie Kartoffelfallen oder Umtopfen sind wesentlich effektiver und ökologisch sinnvoll.

Was mache ich mit den Asseln, die ich aus dem Topf gesammelt habe?

Setzen Sie die gesammelten Tiere am besten im Garten auf dem Komposthaufen, unter Laub oder Totholz aus. Dort sind sie extrem nützlich, da sie abgestorbene Pflanzenteile in wertvollen Humus umwandeln.

Fazit

Kellerasseln im Blumentopf sind kein Grund zur Panik, sondern ein faszinierendes Stück Natur in den eigenen vier Wänden. Als landlebende Krebstiere mit Kiemenatmung suchen sie lediglich einen feuchten, dunklen Rückzugsort mit ausreichend zersetztem organischem Material – Bedingungen, die ein übergossener Blumentopf mit alter Erde perfekt erfüllt. Anstatt die nützlichen Destruenten zu bekämpfen, sollten Sie ihre Anwesenheit als Signal verstehen, die Gießgewohnheiten zu überprüfen und der Pflanze frisches Substrat zu gönnen. Mit einfachen Hausmitteln wie der Kartoffelfalle oder durch fachgerechtes Umtopfen können Sie die kleinen Panzerkrebse schonend in die Natur umsiedeln, wo sie als Humusbildner einen unschätzbaren Beitrag zum Ökosystem leisten.

Wissenschaftliche Quellen:

  1. Umweltbundesamt (UBA): Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Informationen zur Biologie und Empfindlichkeit gegenüber Austrocknung.
  2. Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftskommunikation zur Anatomie, Kiemenatmung und Bioakkumulation von Isopoden.
  3. Animal Diversity Web (ADW): Porcellio scaber. Detaillierte ökologische Daten zu Nahrungsverhalten, Thigmokinese und Endosymbionten.
  4. Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011/2012): Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. Studien zum Aggregationsverhalten und Schutz vor Desikkation.

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