Zu Inhalt springen
Kostenloser Versand ab 29€
Versand 1-2 Tage
4.44 · 245.512+ Kunden
Kellerasseln im Gewächshaus: Nützliche Helfer oder Gefahr für Jungpflanzen?
April 24, 2026 Patricia Titz

Kellerasseln im Gewächshaus: Nützliche Helfer oder Gefahr für Jungpflanzen?

Wer ein Gewächshaus betreibt, erschafft ein künstliches Paradies: Konstante Wärme, hohe Luftfeuchtigkeit und ein Überfluss an organischem Material lassen nicht nur Tomaten und Gurken gedeihen, sondern ziehen auch eine faszinierende, oft missverstandene Tiergruppe an. Wenn Sie beim Anheben eines Pflanztopfes oder eines feuchten Brettes plötzlich Dutzende kleiner, grauer Panzertierchen davonhuschen sehen, haben Sie es mit Kellerasseln (Porcellio scaber) oder ihren Verwandten zu tun. Doch bevor Sie in Panik geraten und nach Schädlingsbekämpfungsmitteln greifen, lohnt sich ein genauerer Blick. Diese Tiere sind keine Insekten, sondern Krebstiere, die einen erstaunlichen evolutionären Weg vom Meer ans Land zurückgelegt haben [2]. Im geschützten Mikroklima eines Gewächshauses finden sie Bedingungen vor, die ihrer ursprünglichen, aquatischen Heimat erstaunlich nahekommen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Krebstiere an Land: Kellerasseln atmen über Kiemen und besitzen keine schützende Wachsschicht. Das feuchte Gewächshausklima bewahrt sie vor dem Austrocknen.
  • Primär Nützlinge: Sie ernähren sich hauptsächlich von totem Pflanzenmaterial, Pilzen und Bakterien und sind essenziell für die Humusbildung.
  • Gefahr für Setzlinge: Nur wenn totes organisches Material fehlt oder die Population extrem ansteigt, vergreifen sie sich an weichen Jungpflanzen.
  • Soziales Aggregationsverhalten: Asseln rotten sich unter Töpfen zusammen, um Wasserverlust zu minimieren. Dieses Verhalten lässt sich für einfache Fallen (z.B. Kartoffelhälften) nutzen.
  • Ökologische Kontrolle: Richtiges Lüften, Gießen am Morgen und das gezielte Anbieten von Kompost lenken die Tiere von Ihren Nutzpflanzen ab.
Atmung und Wasserleitsystem der Kellerassel an Land.
Atmung und Wasserleitsystem der Kellerassel an Land.

Warum das Mikroklima im Gewächshaus die Kiemenatmung begünstigt

Um zu verstehen, warum Gewächshäuser geradezu magnetisch auf Kellerasseln wirken, müssen wir einen Blick auf ihre Anatomie werfen. Weltweit gibt es rund 10.000 Asselarten, wovon in Deutschland etwa 49 etablierte Landasselarten (Oniscidea) leben [2]. Obwohl sie den Landgang vor etwa 160 Millionen Jahren erfolgreich gemeistert haben, tragen sie ihr aquatisches Erbe noch immer mit sich herum.

Fehlende Wachsschicht und die Gefahr der Austrocknung

Im Gegensatz zu Insekten, deren Exoskelett mit einer isolierenden Wachsschicht überzogen ist, fehlt den Landasseln dieser Verdunstungsschutz [1]. Ihre Kutikula ist hochgradig durchlässig für Wasserdampf. Studien zeigen, dass die Austrocknungsresistenz stark von der Dicke dieser Kutikula abhängt. So hat die Rollassel (Armadillidium vulgare) eine etwas dickere Kutikula und verliert weniger Wasser als die raue Kellerassel (Porcellio scaber) [6]. Dennoch sind alle Arten auf eine hohe Umgebungsfeuchtigkeit angewiesen. Ein Gewächshaus, in dem regelmäßig gegossen wird und in dem sich Kondenswasser an den Scheiben samgelt, bietet konstant die benötigten 70 bis 90 Prozent relative Luftfeuchtigkeit.

Das faszinierende Wasserleitsystem der Asseln

Kellerasseln atmen primär über Kiemen, die an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) sitzen [2]. Damit diese Kiemen an Land funktionieren, müssen sie permanent von einem feuchten Film umgeben sein. Hierfür haben die Tiere ein einzigartiges Wasserleitsystem entwickelt: Ein rinnenförmiges System auf ihrem Panzer leitet Flüssigkeit gezielt zu den Kiemen. Interessanterweise nutzen sie dafür auch ihre eigenen Ausscheidungen. Ein Sekret aus einer Drüse im Kopfbereich, das giftiges Ammoniak enthält, fließt durch diese Rinnen. Das Ammoniak verdunstet auf dem Weg, und das gereinigte Wasser befeuchtet die Kiemen [2]. Im feuchtwarmen Gewächshaus funktioniert dieses System reibungslos, während die Tiere im trockenen Freiland im Hochsommer schnell vertrocknen würden.

Nahrungsnetz unter Glas: Was fressen Kellerasseln wirklich?

Die Einstufung der Kellerassel als Schädling ist in den meisten Fällen ungerechtfertigt. Ökologisch betrachtet gehören sie zu den wichtigsten Destruenten (Zersetzern) in unserem Ökosystem [2]. Sie sind saprophag (fressen totes organisches Material), mykophag (fressen Pilze) und koprophag (fressen eigenen Kot) [3].

Die Rolle als Humusbildner

Im Gewächshausboden, besonders wenn Sie mit Kompost, Mulch oder in Hochbeeten arbeiten, leisten Asseln Schwerstarbeit. Sie zerkleinern herabgefallene Blätter, abgestorbene Wurzeln und faulendes Holz. Dabei verdauen sie das Material oft mehrfach, um mithilfe endosymbiotischer Bakterien (wie Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis) in ihrem Darmtrakt auch schwer verdauliche Zellulose aufzuspalten [3]. Durch diesen Prozess setzen sie Nährstoffe frei, die Ihren Gewächshauspflanzen als natürlicher Dünger wieder zur Verfügung stehen.

⚠️ Wann Asseln zum Problem für Setzlinge werden

Obwohl sie totes Material bevorzugen, sind Kellerasseln Opportunisten. Wenn in einem sehr „aufgeräumten“ Gewächshaus (z.B. bei Anbau in steriler Pflanzerde auf blanken Tischen) das tote organische Material fehlt, weichen die Tiere auf lebende Pflanzen aus. Besonders weiche, junge Keimlinge von Gurken, Salaten oder Zucchini fallen ihnen dann nachts zum Opfer. Die Fraßspuren ähneln oft denen von Schnecken, jedoch fehlen die typischen Schleimspuren.

Fortpflanzung ohne Teich: Das Marsupium im Einsatz

Ein weiterer Grund, warum Populationen im Gewächshaus geradezu explodieren können, ist ihre bemerkenswerte Fortpflanzungsstrategie. Obwohl sie Krebse sind, müssen sie zur Eiablage nicht ins Wasser zurückkehren. Weibliche Asseln bilden nach der Geschlechtsreife eine spezielle Bauchtasche aus, das sogenannte Marsupium [2].

Nach der Befruchtung (die bei Porcellio scaber oft durch mehrere Männchen erfolgt, was zu einer hohen genetischen Vielfalt innerhalb eines Wurfes führt [3]), gibt das Weibchen die Eier in diese flüssigkeitsgefüllte Bauchtasche ab. Die Larven entwickeln sich also in einem tragbaren „Mini-Aquarium“ direkt am Muttertier [2]. Nach etwa einem Monat schlüpfen die Jungtiere (Mancae), die den Adulten bereits stark ähneln, denen aber noch das siebte Beinpaar fehlt [1, 3]. Da ein Gewächshaus die kalten Wintermonate abmildert, können Asseln hier oft mehrere Bruten pro Jahr mit jeweils 12 bis 36 Nachkommen aufziehen [3].

Gründe und Mechanismen der Schwarmbildung bei Kellerasseln.
Gründe und Mechanismen der Schwarmbildung bei Kellerasseln.

Aggregationsverhalten: Die Wissenschaft hinter den Assel-Kolonien

Jeder Gewächshausbesitzer kennt das Bild: Man hebt einen Blumentopf, einen Sack mit Pflanzerde oder ein Stück Rindenmulch an, und darunter drängen sich Dutzende, manchmal Hunderte von Asseln dicht an dicht. Dieses Phänomen ist kein Zufall, sondern ein überlebenswichtiges, hochkomplexes Sozialverhalten.

Schutz vor Austrocknung durch Gruppenbildung

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Aggregation von Asseln ein Kompromiss zwischen individuellen Vorlieben und sozialer Anziehung ist [4]. Asseln zeigen eine negative Phototaxis (sie fliehen vor Licht) und eine Thigmokinese (sie suchen den physischen Kontakt zu Oberflächen und Artgenossen) [3]. Wenn sie sich in Gruppen zusammenballen, reduzieren sie die exponierte Körperoberfläche der gesamten Kolonie drastisch. Dadurch sinkt die Verdunstungsrate, und die Tiere überleben selbst dann, wenn das Mikroklima im Gewächshaus tagsüber kurzzeitig zu trocken wird.

Pheromone und Dichteeffekte

Die Tiere finden nicht nur zufällig denselben dunklen Ort. Sie kommunizieren chemisch. Über Pheromone, die unter anderem im Kot abgegeben werden, signalisieren sie Artgenossen: „Hier ist ein sicherer, feuchter Ort“ [3, 4]. Forschungen belegen, dass die Aggregation extrem schnell abläuft – oft finden sich über 50 % der Tiere innerhalb von weniger als 10 Minuten in Gruppen zusammen [4]. Interessanterweise gibt es eine Art „Sättigungsgrenze“ für diese Cluster. Studien zeigen, dass eine Aggregation oft bei etwa 70 Individuen ein Plateau erreicht [5]. Werden es mehr, bilden sich neue, benachbarte Gruppen, vermutlich weil die Konkurrenz im Zentrum des Clusters zu groß wird oder der Nutzen der Wasserersparnis abnimmt [5].

Tipps zur ökologischen Steuerung von Asseln im Gewächshaus.
Tipps zur ökologischen Steuerung von Asseln im Gewächshaus.

Ökologisches Management: Kellerasseln im Gewächshaus steuern

Da Kellerasseln Krebstiere sind, wirken viele herkömmliche Insektizide bei ihnen ohnehin nicht oder nur unzureichend. Zudem verbietet sich der Einsatz von Gift in einem Gewächshaus, in dem Lebensmittel angebaut werden, von selbst. Die Kontrolle der Population basiert stattdessen auf der gezielten Manipulation ihres Lebensraums und der Ausnutzung ihres Verhaltens.

1. Feuchtigkeitsmanagement und Lüftung

Da die Tiere extrem empfindlich auf Trockenheit reagieren [1, 6], ist die Steuerung der Feuchtigkeit der effektivste Hebel.

  • Morgens gießen: Gießen Sie Ihre Gewächshauspflanzen in den frühen Morgenstunden. So kann die Bodenoberfläche bis zum Abend (wenn die nachtaktiven Asseln aus ihren Verstecken kommen) abtrocknen.
  • Lüftung optimieren: Sorgen Sie für eine gute Luftzirkulation. Automatische Fensteröffner helfen, Staufeuchtigkeit zu vermeiden.
  • Tropfbewässerung: Nutzen Sie Tropfschläuche, die das Wasser direkt an die Wurzeln bringen, anstatt die gesamte Bodenoberfläche großflächig zu benetzen.

2. Ablenkungsfütterung und Opferbeete

Wenn Sie verhindern wollen, dass Asseln Ihre jungen Setzlinge fressen, müssen Sie ihnen ihre bevorzugte Nahrung anbieten. Legen Sie in den Ecken des Gewächshauses kleine Häufchen aus feuchtem Laub, halb verrottetem Kompost oder Rindenmulch an. Die Asseln werden sich auf diese Bereiche konzentrieren und dort ihre nützliche Arbeit als Humusbildner verrichten, während Ihre Gemüsepflanzen verschont bleiben.

3. Das Aggregationsverhalten für Fallen nutzen

Wenn die Population überhandnimmt, können Sie das soziale Aggregationsverhalten [4, 5] der Tiere gegen sie verwenden.

  • Die Kartoffelfalle: Halbieren Sie eine rohe Kartoffel, höhlen Sie diese leicht aus und legen Sie sie mit der Schnittfläche nach unten auf die feuchte Gewächshauserde. Die Dunkelheit, die Feuchtigkeit und die Stärke ziehen die Asseln magisch an. Pheromone sorgen dafür, dass schnell viele Artgenossen folgen. Am nächsten Morgen können Sie die Kartoffel samt Asseln absammeln und auf den Kompost im Freien werfen [1].
  • Feuchte Zeitungen: Ein zusammengeknülltes, feuchtes Stück Zeitungspapier oder ein feuchtes Brett erfüllen denselben Zweck.

4. Natürliche Feinde fördern

In der freien Natur haben Asseln viele Feinde wie Spitzmäuse, Kröten, Vögel und Laufkäfer [3]. In ein geschlossenes Gewächshaus verirren sich diese Tiere jedoch selten. Ein hochspezialisierter Jäger ist der Große Asseljäger (Dysdera crocata), eine rötliche Spinne mit gewaltigen Kieferklauen, die mühelos den Panzer der Asseln durchdringen kann [3]. Wenn Sie diese Spinnenart bei der Gartenarbeit entdecken, können Sie sie gezielt als Nützling in Ihr Gewächshaus umsiedeln.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Kellerasseln im Gewächshaus schädlich?

In der Regel nicht. Sie sind nützliche Zersetzer, die totes Pflanzenmaterial in wertvollen Humus umwandeln. Nur bei Nahrungsmangel oder extremem Überfluss an Tieren fressen sie weiche Jungpflanzen oder Keimlinge an.

Warum sammeln sich so viele Asseln unter meinen Pflanztöpfen?

Asseln atmen über Kiemen und trocknen schnell aus. Unter Töpfen finden sie Dunkelheit und Feuchtigkeit. Zudem sondern sie Pheromone ab, die Artgenossen anlocken, da sie in der Gruppe (Aggregation) noch besser vor Wasserverlust geschützt sind.

Wie werde ich eine Asselplage im Gewächshaus ökologisch los?

Reduzieren Sie die Oberflächenfeuchtigkeit durch morgendliches Gießen und gute Lüftung. Nutzen Sie ausgehöhlte Kartoffelhälften oder feuchte Zeitungen als Fallen, um die Tiere morgens abzusammeln und auf den Kompost zu bringen.

Können Asseln Pflanzenwurzeln beschädigen?

Gesunde, intakte Wurzeln werden von Asseln normalerweise ignoriert. Sie fressen jedoch abgestorbene oder bereits faulende Wurzelteile, was für die Pflanzengesundheit sogar förderlich sein kann.

Warum helfen Insektizide nicht gegen Kellerasseln?

Kellerasseln gehören biologisch zu den Krebstieren, nicht zu den Insekten. Viele gängige Insektizide sind auf die Biologie von Insekten abgestimmt und wirken bei Krebstieren nicht oder nur unzureichend.

Fazit

Kellerasseln im Gewächshaus sind ein Zeichen für ein intaktes, feuchtes und organisch aktives Bodenleben. Als Krebstiere, die den Landgang gewagt haben, sind sie faszinierende Überlebenskünstler, die durch ihr Wasserleitsystem, ihre Kiemenatmung und ihr komplexes soziales Aggregationsverhalten perfekt an das Mikroklima unter Glas angepasst sind. Anstatt sie als Schädlinge zu bekämpfen, sollten Gewächshausbesitzer ihre Rolle als unermüdliche Humusproduzenten schätzen. Mit einfachen Maßnahmen wie dem Steuern der Feuchtigkeit, dem Anbieten von alternativem Kompostmaterial und dem Einsatz von Kartoffelfallen lässt sich ein harmonisches Gleichgewicht herstellen, bei dem Ihre Pflanzen gedeihen und die Asseln ihre nützliche Arbeit verrichten können.

Wissenschaftliche Quellen

  1. Umweltbundesamt (UBA): Die Kellerassel (Porcellio scaber) - Aussehen und Vorkommen.
  2. Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen.
  3. Animal Diversity Web (ADW): Porcellio scaber - Common rough woodlouse. University of Michigan.
  4. Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
  5. Broly, P., Mullier, R., Deneubourg, J.-L., Devigne, C. (2012). Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
  6. Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., Hornung, E. (2018). Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.

Weiterführende Artikel zum Thema

Schädlingsfrei mit Silberkraft

Schädlingsfrei mit gutem Gewissen!

Schädlingsfrei mit Silberkraft

Schädlingsfrei mit gutem Gewissen!
Aus 300+ Bewertungen
Alle Produkte