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Kellerasseln im Keller: Ursachen, Biologie & sanfte Lösungen
April 29, 2026 Patricia Titz

Kellerasseln im Keller: Ursachen, Biologie & sanfte Lösungen

Wer kennt es nicht: Man betritt den dunklen Keller, knipst das Licht an, hebt einen alten Karton hoch und plötzlich wuselt es auf dem feuchten Betonboden. Kellerasseln im Keller sind für viele Hausbesitzer ein alltäglicher, wenn auch oft ungeliebter Anblick. Doch der erste Impuls, die kleinen grauen Panzerträger als Ungeziefer oder Schädlinge abzutun, ist biologisch gesehen völlig unbegründet. Tatsächlich handelt es sich bei der Kellerassel (Porcellio scaber) um ein faszinierendes Krebstier, das einen der erstaunlichsten Evolutionsschritte der Erdgeschichte vollzogen hat: den Weg aus dem Meer an das Land. Dass sie sich ausgerechnet in unseren Kellerräumen so wohlfühlen, hat tiefgreifende physiologische Gründe, die direkt mit ihrer marinen Abstammung zusammenhängen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Keine Insekten: Kellerasseln gehören zur Ordnung der Isopoda (Gleichfüßer) und sind landlebende Krebstiere mit 14 Beinen.
  • Kiemenatmung: Sie atmen teilweise über Kiemen und besitzen keine schützende Wachsschicht auf ihrem Panzer. Sie trocknen daher schnell aus und sind zwingend auf hohe Luftfeuchtigkeit angewiesen.
  • Nützliche Destruenten: Im Ökosystem (und auf dem Kompost) sind sie unverzichtbare Humusbildner, die abgestorbene Pflanzenreste verwerten.
  • Indikator für Feuchtigkeit: Ein massenhaftes Auftreten von Kellerasseln im Keller ist ein sicheres Zeichen für ein zu feuchtes Raumklima oder bauliche Mängel.
  • Sanfte Umsiedlung: Gift ist unnötig und schädlich. Die Tiere sollten einfach zusammengekehrt und im Garten ausgesetzt werden.
Anatomie der Kellerassel mit Rücken- und Bauchansicht.
Anatomie der Kellerassel mit Rücken- und Bauchansicht.

Warum das Mikroklima im Keller für Porcellio scaber überlebenswichtig ist

Um zu verstehen, warum man fast ausschließlich Kellerasseln im Keller, unter Blumentöpfen oder in feuchtem Laub findet, muss man einen Blick auf die Anatomie dieser Tiere werfen. Weltweit gibt es rund 10.000 Asselarten, von denen die meisten im Meer oder im Süßwasser leben [2]. Die Landasseln (Oniscidea), zu denen die Kellerassel gehört, haben den Landgang vor etwa 160 Millionen Jahren gewagt. Doch dieser Übergang ist bis heute nicht vollständig abgeschlossen.

Die fehlende Wachsschicht und die Gefahr der Austrocknung

Im Gegensatz zu Insekten, die sich im Laufe der Evolution eine wasserundurchlässige Wachsschicht (die sogenannte Epicuticula-Wachsschicht) zugelegt haben, fehlt den Asseln dieser Verdunstungsschutz [1, 4]. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Austrocknungsresistenz (Desikkationsresistenz) zeigen, dass die Überlebensfähigkeit von Landasseln extrem von der relativen Luftfeuchtigkeit abhängt. In extrem trockenen Umgebungen (ca. 30 % relative Luftfeuchtigkeit) verlieren die Tiere rapide an Körperwasser und sterben innerhalb weniger Stunden [4]. Der Keller bietet mit seinen oft kühlen Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von über 70 % genau das Mikroklima, das die Tiere benötigen, um nicht zu vertrocknen.

Atmung zwischen Wasser und Land: Kiemen und Tracheenlungen

Ein weiteres Relikt aus ihrer maritimen Vergangenheit ist ihre Atmung. Asseln atmen primär über Kiemen, die an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) sitzen [2]. Kiemen funktionieren jedoch nur, wenn sie von einem Feuchtigkeitsfilm überzogen sind. Um dies an Land zu gewährleisten, haben Kellerasseln ein hochkomplexes, in der Natur einmaliges Wasserleitsystem entwickelt. An der Bauch- und Rückenseite befinden sich feine Rinnen. Aus einer Drüse im Kopfbereich sondern die Tiere ein Sekret ab, das unserem Harn entspricht und Ammoniak enthält. Dieses Sekret fließt durch die Rinnen zu den Kiemen. Der Ammoniak verdunstet, und das gereinigte Wasser befeuchtet die Atmungsorgane [2]. Zusätzlich besitzen heimische Kellerasseln sogenannte Tracheenlungen (Pseudotracheen), die als weiße Flecken am Hinterleib erkennbar sind. Heben die Tiere ihren Hinterleib an, kann atmosphärischer Sauerstoff eindringen [2, 3]. Dieses duale Atmungssystem zwingt sie jedoch, sich stets in feuchten Habitaten wie eben dem heimischen Keller aufzuhalten.

Wussten Sie schon?

Kellerasseln scheiden ihre stickstoffhaltigen Abfallprodukte nicht als flüssigen Urin aus, sondern gasförmig als Ammoniak. Dies hilft ihnen nicht nur beim Wasserhaushalt, sondern der strenge Geruch dient möglicherweise auch der Abwehr von Fressfeinden [3].

Gründe für das Schwarmverhalten von Kellerasseln
Gründe für das Schwarmverhalten von Kellerasseln

Schwarmverhalten: Warum Kellerasseln oft in Massen auftreten

Wer eine Kellerassel im Keller findet, entdeckt meist schnell noch dutzende weitere. Dieses massenhafte Auftreten ist kein Zufall und auch kein Zeichen für eine unkontrollierte "Plage", sondern eine überlebenswichtige Verhaltensanpassung. In der Biologie wird dieses Phänomen als Aggregation bezeichnet.

Der Allee-Effekt und der Schutz vor Verdunstung

Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Aggregation von Asseln ein starkes soziales Element beinhaltet und nicht nur eine zufällige Ansammlung an einem feuchten Ort ist [5]. Wenn sich Kellerasseln zu einem dichten Haufen zusammenballen (oft in Ecken oder unter Kartons), reduzieren sie die Gesamtoberfläche der Gruppe, die der Umgebungsluft ausgesetzt ist. Dadurch sinkt die individuelle Wasserverdunstungsrate drastisch. Dieses Phänomen, bei dem eine höhere Populationsdichte das Überleben des Einzelnen sichert, wird in der Ökologie als Allee-Effekt bezeichnet [5].

Thigmokinese und negative Phototaxis

Das Verhalten der Tiere wird durch zwei wesentliche Reize gesteuert:

  • Negative Phototaxis: Kellerasseln fliehen vor Licht. Sie besitzen Komplexaugen, mit denen sie Helligkeitsunterschiede wahrnehmen können, und suchen instinktiv dunkle Spalten auf [3].
  • Thigmokinese: Dies beschreibt die Reaktion auf Berührungsreize. Wenn eine Kellerassel physischen Kontakt zu einem Objekt (wie einem Stein, einem Karton oder einer anderen Assel) hat, verlangsamt sie ihre Bewegung oder bleibt ganz stehen [3, 5]. Dies führt automatisch dazu, dass sich die Tiere in engen Ritzen sammeln und dort verharren.
Forscher haben zudem herausgefunden, dass Kellerasseln Pheromone (Duftstoffe) über ihre Fäkalien absondern, die als Aggregationspheromone wirken und Artgenossen anlocken, um schützende Gruppen zu bilden [3, 5].

Nahrungsquellen: Was fressen Kellerasseln im Keller?

Kellerasseln sind sogenannte Destruenten (Zersetzer). Sie ernähren sich saprophag (von totem organischem Material) und mykophag (von Pilzen) [3]. In der freien Natur fressen sie morsches Holz, Falllaub und abgestorbene Pflanzenteile und wandeln diese in wertvollen Humus um [1]. Doch was finden sie im Keller?

Oft lagern in Kellerräumen Dinge, die für Asseln ein gefundenes Fressen darstellen:

  • Feuchtes Papier und Pappe: Alte Umzugskartons, die auf dem feuchten Boden stehen, weichen auf und beginnen mikroskopisch klein zu schimmeln. Für Asseln ist dies eine Delikatesse.
  • Eingelagertes Gemüse: Kartoffeln, Äpfel oder Karotten, die direkt auf dem Boden oder in offenen Holzkisten lagern und eventuell leicht faulen.
  • Schimmelpilze: An feuchten Kellerwänden bilden sich oft unsichtbare oder sichtbare Schimmelrasen, die von den Asseln abgeweidet werden.
Interessant ist auch ihre Eigenschaft der Koprophagie: Kellerasseln fressen ihren eigenen Kot. Dies tun sie nicht aus Nahrungsmangel, sondern um lebenswichtige Kupferreserven (die sie für ihren blauen Blutfarbstoff Hämocyanin benötigen) zurückzugewinnen und um symbiotische Bakterien im Darm zu erhalten, die ihnen bei der Verdauung von Zellulose helfen [3].

Die Fortpflanzung: Ein Aquarium an Land

Ein weiterer Grund, warum sich Populationen im Keller gut halten können, ist ihre bemerkenswerte Fortpflanzungsstrategie. Weibliche Kellerasseln besitzen eine spezielle Bruttasche auf der Bauchseite, das sogenannte Marsupium [2]. Nach der Befruchtung sondert das Weibchen ein wässriges Sekret in diese Tasche ab. Die Eier und später die schlüpfenden Larven (Mancae genannt) entwickeln sich in diesem flüssigen Milieu – quasi in einem tragbaren Aquarium [2, 3].

Erst wenn die Jungtiere weit genug entwickelt sind, verlassen sie die Bruttasche. Zu diesem Zeitpunkt sehen sie bereits aus wie winzige, weiße Ausgaben der erwachsenen Tiere, besitzen allerdings erst sechs statt der finalen sieben Beinpaare [1, 3]. Diese Brutpflege stellt sicher, dass der Nachwuchs die kritische erste Lebensphase ohne Austrocknung übersteht.

Kellerasseln als Bioindikatoren: Ein Warnsignal für das Haus

In der Wissenschaft werden Kellerasseln häufig als Bioindikatoren eingesetzt. Sie haben die Fähigkeit, Schwermetalle wie Zink, Cadmium, Blei und Kupfer aus dem Boden aufzunehmen und in speziellen Bläschen in ihrer Mitteldarmdrüse (Hepatopankreas) zu speichern, ohne daran zu sterben [2, 4].

Für den Hausbesitzer sind sie jedoch ein Indikator für etwas anderes: Feuchtigkeit und bauliche Schwachstellen. Wenn Sie regelmäßig große Mengen an Kellerasseln im Keller finden, ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass die relative Luftfeuchtigkeit dauerhaft zu hoch ist. Dies kann auf mangelnde Lüftung, aufsteigende Bodenfeuchte, undichte Fenster oder feuchte Wände hindeuten. Die Asseln selbst richten keinen Schaden an der Bausubstanz an – sie zeigen lediglich an, dass ein potenziell gebäudeschädigendes Klima herrscht, das langfristig zu Schimmelbildung führen kann.

Anleitung zur sanften Umsiedlung von Kellerasseln.
Anleitung zur sanften Umsiedlung von Kellerasseln.

Kellerasseln im Keller bekämpfen: Sanfte und nachhaltige Methoden

Da Kellerasseln absolute Nützlinge sind, die weder Krankheiten übertragen noch beißen oder stechen, ist der Einsatz von chemischen Insektiziden oder Bioziden völlig deplatziert und schadet der Umwelt mehr, als es nützt. Um die Tiere aus dem Keller zu verbannen, muss man ihnen lediglich ihre Lebensgrundlage entziehen: die Feuchtigkeit.

1. Luftfeuchtigkeit senken (Klimakontrolle)

Das A und O ist richtiges Lüften. Im Sommer sollte der Keller nur nachts oder in den frühen Morgenstunden gelüftet werden. Lüftet man an heißen Sommertagen, dringt warme, feuchte Luft in den kühlen Keller ein. Die Feuchtigkeit kondensiert an den kalten Wänden (Sommerkondensation) und schafft ein Paradies für Asseln. Im Winter hingegen kann tagsüber gelüftet werden. Ein Hygrometer hilft, die Luftfeuchtigkeit im Auge zu behalten – sie sollte idealerweise unter 60 % liegen.

2. Nahrungsquellen und Verstecke entfernen

Räumen Sie den Keller auf und beseitigen Sie potenzielle Nahrungsquellen:

  • Lagern Sie Kartons und Pappe nicht direkt auf dem Boden, sondern auf Regalen.
  • Verwenden Sie für die Lagerung im Keller besser verschließbare Kunststoffboxen statt Pappkartons.
  • Lagern Sie Obst und Gemüse (wie Kartoffeln) in gut durchlüfteten Regalen und kontrollieren Sie diese regelmäßig auf Fäulnis.
  • Entfernen Sie organisches Material wie altes Laub, das durch Kellerschächte eingeweht wurde.

3. Zugangswege abdichten

Asseln leben primär im Garten unter Steinen, Totholz und im Kompost. Sie dringen durch feine Risse im Mauerwerk, undichte Kellerfenster oder Türspalten in das Haus ein. Dichten Sie Risse im Fundament ab, bringen Sie Fliegengitter an den Kellerfenstern an und versehen Sie Kellertüren mit dichten Bürstendichtungen.

4. Umsiedeln statt töten

Haben sich bereits Asseln im Keller angesiedelt, können Sie diese ganz einfach einfangen. Legen Sie einen feuchten Lappen, einen halben, ausgehöhlten Kartoffel- oder Möhrenrest oder ein Stück feuchte Pappe über Nacht auf den Kellerboden. Die Asseln werden sich aufgrund ihrer negativen Phototaxis und Thigmokinese darunter versammeln [3]. Am nächsten Morgen können Sie den Lappen samt den Tieren aufnehmen und auf dem Komposthaufen im Garten ausschütteln. Dort leisten sie als Humusbildner wertvolle Arbeit [1].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Kellerasseln Insekten?

Nein, Kellerasseln gehören zur Klasse der Höheren Krebse (Malacostraca) und zur Ordnung der Isopoda (Gleichfüßer). Sie sind die einzigen Krebstiere, die sich dauerhaft an ein Leben an Land angepasst haben, besitzen 14 Beine und atmen über Kiemen.

Warum sterben Kellerasseln in der Wohnung?

Kellerasseln fehlt eine schützende Wachsschicht auf ihrem Panzer. In normalen, beheizten Wohnräumen ist die Luftfeuchtigkeit zu gering. Die Tiere trocknen dort innerhalb weniger Stunden aus und sterben.

Können Kellerasseln beißen, stechen oder Krankheiten übertragen?

Nein, Kellerasseln sind für Menschen und Haustiere völlig harmlos. Sie besitzen keine Giftstachel, können nicht beißen und übertragen keine Krankheiten. Sie ernähren sich ausschließlich von totem organischem Material.

Was fressen Kellerasseln im Keller?

Im Keller ernähren sie sich oft von feuchter Pappe, alten Kartons, eingelagertem Gemüse (wie Kartoffeln), organischen Abfällen, die durchs Fenster geweht wurden, sowie von mikroskopisch kleinen Schimmelpilzen an den Wänden.

Wie werde ich Kellerasseln im Keller dauerhaft los?

Die effektivste Methode ist die Senkung der Luftfeuchtigkeit durch richtiges Lüften (im Sommer nur nachts). Zudem sollten feuchte Kartons entfernt, Risse im Mauerwerk abgedichtet und die Tiere mit einem feuchten Tuch als Köder eingesammelt und in den Garten gebracht werden.

Fazit

Kellerasseln im Keller sind kein Grund zur Panik. Die kleinen Krebstiere sind faszinierende Überlebenskünstler, die den Sprung aus dem Meer an das Land geschafft haben, dabei aber ihre Abhängigkeit vom Wasser nie ganz ablegen konnten. Ihr Auftreten in unseren Kellern ist lediglich ein Indikator für ein feuchtes Mikroklima. Anstatt sie als Schädlinge zu bekämpfen, sollten wir sie als nützliche Humusbildner respektieren. Wer das Raumklima in seinem Keller durch gezieltes Lüften und Aufräumen optimiert, entzieht den Tieren auf natürliche Weise die Lebensgrundlage. Die verbleibenden Asseln lassen sich leicht einfangen und danken es Ihnen, wenn sie auf dem heimischen Komposthaufen ihre wichtige ökologische Arbeit fortsetzen dürfen.

Wissenschaftliche Quellen

  1. Umweltbundesamt: Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Informationen zur Biologie und ökologischen Bedeutung von Landasseln.
  2. Prof. Dr. Gela Preisfeld, Bergische Universität Wuppertal: Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftliche Einblicke in die Anatomie, das Wasserleitsystem und die Fortpflanzung (Marsupium) von Asseln.
  3. Animal Diversity Web (University of Michigan): Porcellio scaber. Detaillierte ökologische Daten zu Verhalten (Thigmokinese, Phototaxis), Ernährung (Koprophagie) und Prädation.
  4. Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., Hornung, E. (2018): Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499. Studie zur Austrocknungsresistenz und Kutikula-Beschaffenheit.
  5. Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011) / Broly et al. (2012): Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. PLoS ONE / ZooKeys. Forschung zum Schwarmverhalten und Allee-Effekt bei Landasseln zum Schutz vor Verdunstung.

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