Wer eine graue, gepanzerte Kreatur mit vielen Beinen unter einem Blumentopf oder im feuchten Laub entdeckt, denkt oft instinktiv an Ungeziefer. Die Suchanfrage "Kellerasseln Insekten" ist daher ein echter Dauerbrenner. Doch hier verbirgt sich einer der größten und faszinierendsten Irrtümer der Alltagsbiologie: Kellerasseln sind absolut keine Insekten. Sie sind Krebstiere, die den evolutionären Sprung aus dem Ozean an das trockene Land geschafft haben. Dieser Artikel wirft einen tiefen, wissenschaftlich fundierten Blick auf die Anatomie, die einzigartige Atmung und das komplexe Verhalten dieser Überlebenskünstler, die fälschlicherweise oft in die Insekten-Schublade gesteckt werden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Keine Insekten: Kellerasseln (Porcellio scaber) gehören zur Ordnung der Isopoda (Asseln) und sind Höhere Krebse [2].
- 14 statt 6 Beine: Während Insekten exakt drei Beinpaare besitzen, weisen ausgewachsene Kellerasseln sieben Laufbeinpaare auf [1, 2].
- Kiemenatmung an Land: Sie atmen über Kiemen an ihren Hinterleibsbeinen, die durch ein ausgeklügeltes Wasserleitsystem feucht gehalten werden [2].
- Tragbares Aquarium: Weibchen tragen ihre Eier in einer flüssigkeitsgefüllten Bauchtasche (Marsupium) aus, einem Relikt ihrer marinen Herkunft [2, 3].
- Nützliche Destruenten: Sie zersetzen totes Pflanzenmaterial, bilden wertvollen Humus und binden Schwermetalle im Boden [1, 6].

Der anatomische Beweis: Warum Kellerasseln keine Insekten sind
Um zu verstehen, warum die Kombination "Kellerasseln Insekten" biologisch inkorrekt ist, müssen wir uns die Morphologie der Tiere genauer ansehen. Insekten (Insecta) zeichnen sich durch einen strikt dreigeteilten Körperbau aus: Kopf (Caput), Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen). An der Brust sitzen exakt drei Beinpaare (sechs Beine) und meist Flügel.
Die Kellerassel (Porcellio scaber) hingegen gehört zur Unterordnung der Landasseln (Oniscidea) innerhalb der Krebstiere (Crustacea). Ihr Körperbau erzählt die Geschichte einer marinen Vergangenheit [2]:
- Verschmolzener Kopf-Brust-Bereich: Bei Asseln ist der Kopf mit dem ersten Brustsegment zu einem sogenannten Cephalothorax verschmolzen [2].
- Sieben Beinpaare: Der mittlere Körperabschnitt (Peraeon) besteht aus sieben Segmenten, an denen jeweils ein Paar gleichförmiger Laufbeine sitzt. Eine ausgewachsene Assel hat also 14 Beine – ein klares Ausschlusskriterium für Insekten [1, 2].
- Fehlende Wachsschicht: Insekten besitzen eine wachsartige Schicht auf ihrem Chitinpanzer (Cuticula), die sie vor dem Austrocknen schützt. Landasseln fehlt diese isolierende Wachsschicht weitgehend, weshalb sie extrem anfällig für Austrocknung (Desikkation) sind [1, 6].

Kiemenatmung im Keller: Ein evolutionäres Meisterwerk
Der faszinierendste Unterschied zwischen Insekten und Kellerasseln liegt in der Atmung. Insekten atmen über ein Tracheensystem – ein Netzwerk aus feinen Röhren, das Sauerstoff direkt zu den Zellen leitet. Kellerasseln hingegen haben ihre marinen Atmungsorgane, die Kiemen, mit an Land gebracht [2].
Diese Kiemen sitzen an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) auf der Bauchseite der Tiere. Da Kiemen nur funktionieren, wenn sie von einem Wasserfilm überzogen sind, standen die Vorfahren der Kellerasseln vor rund 160 Millionen Jahren vor einem massiven Problem: Wie atmet man an Land, ohne zu ersticken oder auszutrocknen?
Das körpereigene Wasserleitsystem
Die Lösung der Natur ist ebenso genial wie bizarr. Kellerasseln besitzen ein in der Tierwelt einmaliges Wasserleitsystem. An der Bauch- und Rückenseite befinden sich winzige Rinnen. Eine Drüse im Kopfbereich sondert ein Sekret ab, das unserem Harn ähnelt und giftige Stickstoffverbindungen (Ammoniak) enthält [2].
Dieses Sekret fließt durch die Rinnen nach hinten zu den Kiemen. Auf dem Weg dorthin verdunstet das giftige Ammoniakgas (Kellerasseln scheiden Stickstoff als Gas aus, nicht als flüssigen Urin [3]). Das nun saubere, sauerstoffangereicherte Wasser benetzt die Kiemen und ermöglicht die Atmung. Überschüssiges Wasser fließt weiter zum After und wird vom Körper wieder resorbiert [2].
Die Entwicklung von "Pseudolungen"
Als zusätzliche Anpassung an das Landleben haben heimische Kellerasseln sogenannte Tracheenlungen (Pseudotracheen) entwickelt. Diese erscheinen als weiße Flecken auf dem Hinterleib (Pleon). Hebt die Assel ihren Hinterleib leicht an, kann Luft in diese Hohlräume einströmen; senkt sie ihn ab, wird die verbrauchte Luft herausgepresst. Sie verfügen somit über zwei parallele Systeme zur Sauerstoffaufnahme [2, 3].
Fortpflanzung: Ein "Aquarium" für den Nachwuchs
Auch bei der Fortpflanzung zeigen sich die krebsartigen Wurzeln deutlich. Während Insekten ihre Eier meist an Pflanzen oder im Boden ablegen, tragen weibliche Kellerasseln ein eigenes "Aquarium" mit sich herum. Nach der Befruchtung (die Tiere sind polyandrisch, ein Weibchen paart sich mit mehreren Männchen [3]) häutet sich das Weibchen und bildet zwischen den Laufbeinen eine Bruttasche, das sogenannte Marsupium [2].
Das Weibchen sondert ein wässriges Sekret in diese Tasche ab. Die Eier und später die schlüpfenden Larven entwickeln sich für etwa einen Monat in diesem flüssigen Milieu – ein perfekter Schutz vor der trockenen Landluft. Erst wenn die Jungtiere weit genug entwickelt sind, verlassen sie die Bruttasche als Miniaturkopien der Eltern [2, 3].
Verhaltensbiologie: Der Kampf gegen die Austrocknung
Da der Panzer der Kellerasseln (im Gegensatz zu Insekten) Feuchtigkeit nicht gut im Körper halten kann, diktiert die ständige Gefahr der Austrocknung ihr gesamtes Verhalten. Studien zeigen, dass die Dicke der Cuticula (des Panzers) direkt mit der Resistenz gegen Austrocknung korreliert. So hat die verwandte Rollassel (Armadillidium vulgare) einen dickeren Panzer als die Kellerassel und kann in trockeneren Habitaten überleben [6].
Thigmokinese und Aggregation
Kellerasseln sind stark negativ phototaktisch (sie fliehen vor Licht) und zeigen ein Verhalten namens Thigmokinese. Das bedeutet, sie verringern ihre Bewegungsaktivität drastisch, sobald sie physischen Kontakt zu Objekten oder Artgenossen haben [3].
Dies führt zu massenhaften Ansammlungen (Aggregationen) unter Steinen, Totholz oder in dunklen Kellerecken. Wissenschaftliche Experimente belegen, dass diese Aggregation nicht nur eine Reaktion auf Feuchtigkeit ist, sondern stark durch soziale Interaktion und Pheromone (Duftstoffe in den Fäkalien) gesteuert wird [4, 5]. Das Zusammenkuscheln in Gruppen von bis zu 70 Tieren reduziert die verdunstende Körperoberfläche des Einzelnen erheblich und sichert das Überleben der Kolonie [4, 5].
Koprophagie: Warum Asseln ihren eigenen Kot fressen
Ein weiteres Verhalten, das sie von vielen Insekten unterscheidet, ist die ausgeprägte Koprophagie. Kellerasseln fressen regelmäßig ihre eigenen Ausscheidungen. Dies hat zwei lebenswichtige Gründe [2, 3]:
- Kupfer-Recycling: Das Blut der Asseln basiert nicht auf Eisen (Hämoglobin), sondern auf Kupfer (Hämocyanin). Da Kupfer in der terrestrischen Nahrung oft Mangelware ist, recyceln sie es durch den Verzehr des Kots [3].
- Mikrobiom-Erhalt: Im Darm der Asseln leben endosymbiontische Bakterien (z.B. Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis), die essenziell für die Verdauung von zäher Zellulose (Holz, Laub) sind. Durch das Fressen des Kots wird diese lebenswichtige Darmflora aufrechterhalten [3].

Ökologische Bedeutung: Bioindikatoren statt Schädlinge
Wer Kellerasseln als "Insekten-Schädlinge" betrachtet, tut den Tieren massiv Unrecht. In der Ökologie gelten sie als unverzichtbare Destruenten (Zersetzer). Sie ernähren sich primär von abgestorbener organischer Substanz (Detritus), morschem Holz und Pilzen. Durch ihre Verdauungstätigkeit zerkleinern sie das Material und machen die Nährstoffe für Bakterien und Pflanzen wieder verfügbar – sie sind die perfekten Humusbildner [1, 2].
Wussten Sie schon? Asseln als Umwelt-Detektive
Wissenschaftler nutzen Kellerasseln als Bioindikatoren zur Messung von Umweltverschmutzung. Die Tiere speichern rund 90 % aller aufgenommenen Schwermetalle (wie Cadmium, Blei und Zink) in speziellen Bläschen in ihrer Mitteldarmdrüse (Hepatopankreas), ohne daran zu sterben. Durch die Analyse von Assel-Populationen lässt sich die toxische Belastung von Böden exakt bestimmen [2, 3].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind Kellerasseln Insekten oder Spinnentiere?
Weder noch. Kellerasseln gehören zur Klasse der Höheren Krebse (Malacostraca) und zur Ordnung der Asseln (Isopoda). Sie sind eng mit Krabben und Hummern verwandt und haben sich im Laufe der Evolution an das Landleben angepasst.
Wie viele Beine hat eine Kellerassel?
Eine ausgewachsene Kellerassel besitzt genau 14 Beine, also sieben Laufbeinpaare. Insekten haben hingegen immer nur sechs Beine (drei Paare). Frisch geschlüpfte Assel-Larven haben zunächst nur sechs Beinpaare, das siebte wächst nach der ersten Häutung.
Warum findet man Kellerasseln oft im Haus?
Da Kellerasseln über Kiemen atmen und keinen Wachspanzer gegen Verdunstung besitzen, benötigen sie eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Kühle, feuchte und dunkle Keller bieten ihnen ein ideales Mikroklima, um nicht auszutrocknen.
Sind Kellerasseln Schädlinge?
Nein, sie sind äußerst nützliche Destruenten. Sie fressen abgestorbene Pflanzenteile und Totholz und wandeln diese in wertvollen Humus um. Im Haus richten sie keinen Schaden an, sie sind lediglich ein Indikator für hohe Feuchtigkeit.
Wie atmen Kellerasseln an Land?
Sie atmen primär über Kiemen an ihren Hinterleibsbeinen. Diese werden durch ein spezielles Wasserleitsystem feucht gehalten, das körpereigene Flüssigkeiten recycelt. Zusätzlich besitzen sie Pseudotracheen (Tracheenlungen) zur direkten Sauerstoffaufnahme aus der Luft.
Fazit: Respekt für die Krebse im Keller
Die Gleichung "Kellerasseln = Insekten" ist ein weit verbreiteter Mythos, der der Komplexität dieser Tiere nicht gerecht wird. Als Krebstiere, die den Ozean verlassen haben, stellen sie ein faszinierendes Stück Evolutionsgeschichte direkt vor unserer Haustür dar. Mit ihren 14 Beinen, der Kiemenatmung an Land, dem tragbaren Aquarium für den Nachwuchs und ihrer immensen Bedeutung für die Humusbildung im Boden, verdienen sie unseren Respekt. Wenn Sie das nächste Mal eine Kellerassel im Haus finden, greifen Sie nicht zum Insektenspray. Setzen Sie das kleine Krebstier einfach behutsam nach draußen auf den Komposthaufen – dort leistet es unbezahlbare Arbeit für unser Ökosystem.
Wissenschaftliche Quellen
- Umweltbundesamt: Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Abgerufen von umweltbundesamt.de.
- Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen - Die heimische Kellerassel und ihre Verwandten.
- Animal Diversity Web (University of Michigan): Porcellio scaber - Common rough woodlouse.
- Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011): Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
- Broly, P., Mullier, R., Deneubourg, J.-L., Devigne, C. (2012): Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
- Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., Hornung, E. (2018): Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.