Wer einen Stein im Garten anhebt oder feuchtes Laub im Komposthaufen durchwühlt, trifft fast unweigerlich auf sie: die Kellerassel (Porcellio scaber). Oft fälschlicherweise als Insekt oder Ungeziefer abgetan, verbirgt sich hinter diesem kleinen, gepanzerten Tier ein faszinierendes evolutionäres Meisterwerk. Kellerasseln sind Krebstiere, die den evolutionären Sprung aus dem Meer an das Land erfolgreich gemeistert haben [7]. Dieser detaillierte Kellerasseln Steckbrief beleuchtet die komplexe Biologie, die einzigartigen anatomischen Anpassungen an das Landleben und die immense ökologische Bedeutung dieser oft missverstandenen Bodenbewohner.
Das Wichtigste auf einen Blick: Kellerassel Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Porcellio scaber
- Klasse: Höhere Krebse (Malacostraca)
- Ordnung: Asseln (Isopoda) / Unterordnung: Landasseln (Oniscidea)
- Größe: 15 bis 18 Millimeter [1]
- Aussehen: Grau-braun, flach, oval, halbringförmig gegliederter Rückenpanzer
- Körperbau: 2 Fühler (Antennen), 7 Laufbeinpaare [1]
- Lebenserwartung: Durchschnittlich 2 bis 3 Jahre (maximal bis zu 5 Jahre) [8]
- Nahrung: Abgestorbenes Pflanzenmaterial, Pilze, Aas (Detritivor) [2]
- Lebensraum: Dunkle, feuchte Orte (unter Steinen, Totholz, in Kellern und Komposthaufen)
Systematik und Taxonomie: Ein Krebs auf Abwegen
Um die Kellerassel biologisch korrekt einzuordnen, muss man sich von der Vorstellung verabschieden, es handele sich um ein Insekt. Insekten besitzen typischerweise drei Beinpaare und einen dreigeteilten Körper. Die Kellerassel hingegen gehört zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda) und dort zum Unterstamm der Krebstiere (Crustacea) [1]. Innerhalb der über 4.000 bekannten Krebsarten bilden die Asseln (Isopoda) eine eigene Ordnung. Der Name Isopoda stammt aus dem Griechischen ("iso" = gleich, "podos" = Fuß) und verweist auf die gleichförmigen Laufbeinpaare [7].
Die Unterordnung der Landasseln (Oniscidea) umfasst weltweit etwa 3.640 bis 5.000 Arten, von denen in Deutschland 49 etablierte Arten vorkommen [3][7]. Die Kellerassel (Porcellio scaber) ist dabei eine der am weitesten verbreiteten Arten und hat sich, durch den Menschen begünstigt, nahezu kosmopolitisch auf allen Kontinenten (außer der Antarktis) ausgebreitet [8].

Morphologie & Anatomie: Der Körperbau der Kellerassel
Der Körper der Kellerassel ist perfekt an ein verstecktes Leben im Boden angepasst. Er ist dorsoventral (von oben nach unten) abgeflacht, was es den Tieren ermöglicht, sich in engste Spalten unter Steinen oder Rinde zu zwängen. Der Körper gliedert sich in drei Hauptbereiche:
- Cephalothorax (Kopf-Brust-Stück): Bei Asseln ist der Kopf mit dem ersten Brustsegment verschmolzen. Hier sitzen die komplexen Facettenaugen, die hell und dunkel unterscheiden können, sowie zwei Antennenpaare. Das längere Paar dient als Tast- und Sinnesorgan (ausgestattet mit feinen Sinneshärchen, den Setae), das kürzere fungiert als Chemorezeptor [8].
- Peraeon (Brust): Dieser Bereich besteht aus sieben deutlich erkennbaren, durch den Rückenpanzer geschützten Segmenten. An jedem dieser Segmente sitzt ein Paar der insgesamt sieben Laufbeinpaare [7].
- Pleon (Hinterleib): Der Hinterleib trägt die sogenannten Pleopoden (Hinterleibsbeine). Diese sind nicht zum Laufen da, sondern wurden im Laufe der Evolution zu hochkomplexen Atmungsorganen umgewandelt. Am Ende des Körpers (Telson) befinden sich zwei kurze Schwanzanhänge (Uropoden) [8].
Wussten Sie schon? Die fehlende Wachsschicht
Im Gegensatz zu Insekten fehlt den Landasseln eine schützende Wachsschicht (Lipidschicht) auf ihrem Chitinpanzer (Cuticula). Diese Schicht schützt Insekten vor dem Austrocknen. Da der Kellerassel dieser Schutz fehlt, verdunstet Wasser sehr schnell über ihre Körperoberfläche. Dies ist der Hauptgrund, warum sie zwingend auf Lebensräume mit hoher Luftfeuchtigkeit angewiesen ist [5][6].

Atmung an Land: Kiemen, Pseudotracheen und ein einzigartiges Wasserleitungssystem
Wie atmet ein Krebs an Land? Die Kellerassel hat hierfür ein duales System entwickelt, das in der Tierwelt nahezu einzigartig ist. Ursprünglich atmen Krebse über Kiemen, die den Sauerstoff aus dem Wasser filtern. Die Kellerassel besitzt diese Kiemen noch immer an ihren Hinterleibsbeinen (Pleopoden). Damit diese an der Luft funktionieren, müssen sie permanent feucht gehalten werden.
Hier kommt das Wasserleitungssystem ins Spiel: Die Assel besitzt am Kopf eine Drüse, die ein harnähnliches Sekret absondert. Dieses Sekret fließt über winzige Rinnen an der Bauch- und Rückenseite (gebildet durch Schuppenreihen des Außenskeletts) bis zu den Kiemen am Hinterleib. Auf dem Weg dorthin verdunstet das toxische Ammoniak aus dem Harn. Das nun gereinigte, sauerstoffangereicherte Wasser benetzt die Kiemen und ermöglicht die Atmung. Überschüssiges Wasser fließt weiter zum After und wird vom Körper resorbiert — ein perfektes Recycling-System zum Schutz vor Austrocknung [1][7].
Zusätzlich zu den Kiemen hat Porcellio scaber sogenannte Pseudotracheen (Tracheenlungen) entwickelt. Diese erscheinen als weiße Flecken auf der Bauchseite des Hinterleibs. Durch Anheben und Absenken des Hinterleibs kann die Assel aktiv Luft in diese Röhrensysteme einsaugen und verbrauchte Luft ausstoßen, wodurch sie Sauerstoff direkt aus der Luft aufnehmen kann [7][8].
Lebensraum und Verhalten: Warum Asseln die Dunkelheit suchen
Aufgrund ihrer Empfindlichkeit gegenüber Austrocknung (Desikkation) wird das Verhalten der Kellerassel stark von mikroklimatischen Faktoren bestimmt. Sie zeigen eine ausgeprägte negative Phototaxis (sie fliehen vor Licht) und suchen gezielt dunkle, feuchte und kühle Orte auf [4][8]. Man findet sie unter Totholz, Steinen, in Laubhaufen, Kompostern und feuchten Kellermauern.
Ein weiteres typisches Verhaltensmuster ist die Thigmokinese. Das bedeutet, dass die Tiere ihre Bewegungsaktivität reduzieren, sobald sie physischen Kontakt zu einem Objekt (oder einem Artgenossen) haben. Dies führt dazu, dass sie sich in engen Spalten ruhig verhalten [4][8].
Besonders faszinierend ist das Aggregationsverhalten (Gruppenbildung). Kellerasseln rotten sich oft in großen Gruppen zusammen. Dies ist nicht nur eine zufällige Ansammlung an einem feuchten Ort, sondern ein aktiver, durch Pheromone (oft im Kot enthalten) gesteuerter Prozess. Die Gruppenbildung (ein Beispiel für den Allee-Effekt) reduziert die exponierte Körperoberfläche der Einzeltiere drastisch und minimiert so den Wasserverlust der gesamten Gruppe in trockenen Perioden [4].
Ernährung: Die Gesundheitspolizei des Bodens
Kellerasseln sind primär Detritivoren (Zersetzer) und Saprophagen. Sie ernähren sich hauptsächlich von abgestorbenem, organischem Material. Dazu gehören verrottendes Laub, morsches Holz, Pilze, aber auch Aas und Kot [2][8]. In der Ökologie spielen sie als Makro-Destruenten eine Schlüsselrolle bei der Humusbildung. Sie zerkleinern das Material und machen es für Bakterien und Pilze zugänglich, wodurch Nährstoffe in den Bodenkreislauf zurückgeführt werden [3].
Koprophagie und endosymbiontische Bakterien
Ein bemerkenswerter Aspekt ihrer Ernährung ist die Koprophagie — das Fressen des eigenen Kots. Dies mag abstoßend klingen, ist für die Assel jedoch überlebenswichtig. Zum einen gewinnen sie dadurch wertvolles Kupfer zurück, das sie für die Bildung ihres blauen Blutfarbstoffs (Hämocyanin) benötigen. Zum anderen nehmen sie Kalzium für ihren Panzerbau wieder auf [7]. Darüber hinaus beherbergen Kellerasseln in ihrer Mitteldarmdrüse (Hepatopankreas) endosymbiontische Bakterien (wie Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis), die ihnen helfen, schwer verdauliche Zellulose aus dem Pflanzenmaterial aufzuspalten. Durch das Fressen des Kots wird die Darmflora stetig erneuert [8].

Fortpflanzung und Entwicklung: Das Aquarium am Bauch
Die Fortpflanzung der Kellerasseln findet meist im Frühjahr und Sommer statt. Die Art ist polyandrisch, das heißt, ein Weibchen paart sich mit mehreren Männchen [8]. Nach der Befruchtung zeigt sich eine weitere erstaunliche Anpassung an das Landleben: Die Weibchen legen ihre Eier nicht in der Umgebung ab, sondern bewahren sie in einem speziellen Brutbeutel auf der Bauchseite auf, dem sogenannten Marsupium (Bauchtasche) [2].
Das Weibchen sondert eine wässrige Flüssigkeit in dieses Marsupium ab. Die Eier und die schlüpfenden Larven entwickeln sich also quasi in einem tragbaren, körpereigenen Aquarium. Dies schützt den empfindlichen Nachwuchs vor dem Austrocknen [7]. Nach etwa 35 Tagen verlassen die Jungtiere, die sogenannten Mancae, den Brutbeutel. Sie sehen den erwachsenen Tieren bereits sehr ähnlich, sind jedoch weißlich, weich und besitzen zunächst nur sechs Laufbeinpaare. Das siebte Beinpaar entwickelt sich erst nach der ersten Häutung außerhalb des Marsupiums [2][8].
Wachstum durch Häutung
Da der starre Chitinpanzer nicht mitwächst, müssen sich Kellerasseln regelmäßig häuten. Bis zur Geschlechtsreife (die nach 14 bis 22 Monaten erreicht wird) häuten sie sich etwa 14 Mal [2][8]. Die Häutung verläuft biphasisch: Zuerst wird die hintere Körperhälfte gehäutet, einige Tage später die vordere. Die abgeworfene Haut (Exuvie) wird meist umgehend gefressen, um das darin enthaltene, wertvolle Kalzium für den neuen Panzer wiederzuverwenden [2].
Ökologische Bedeutung: Bioindikatoren für Schwermetalle
Neben ihrer Rolle als Humusbildner sind Kellerasseln für die Wissenschaft von enormer Bedeutung als Bioindikatoren. Sie reagieren sehr sensibel auf Pestizide und Bodenbearbeitung (in konventionell bewirtschafteten Böden ist ihre Dichte drastisch geringer als in ökologisch bewirtschafteten) [3].
Noch wichtiger ist ihre Eigenschaft, Schwermetalle wie Kupfer, Zink, Blei und Cadmium aus dem Boden aufzunehmen und in speziellen Vesikeln in ihrer Mitteldarmdrüse (Hepatopankreas) zu akkumulieren und zu immobilisieren [3]. Etwa 90 % aller Metallionen im Körper der Assel werden dort gespeichert [7]. Durch die Analyse von Kellerasseln können Umweltforscher sehr genau den Grad der Schwermetallbelastung in städtischen oder industriellen Böden bestimmen.
Gleichzeitig stehen sie am Anfang vieler Nahrungsketten. Sie dienen Vögeln, Spitzmäusen, Fröschen und spezialisierten Räubern wie dem Sechsäugigen Waldweberknecht oder der Asseljäger-Spinne (Dysdera crocata) als wichtige Nahrungsquelle [3][8].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind Kellerasseln Insekten?
Nein, Kellerasseln sind keine Insekten. Sie gehören zum Stamm der Gliederfüßer und dort zur Klasse der Höheren Krebse. Sie sind landlebende Krebstiere mit 14 Beinen, während Insekten nur sechs Beine haben.
Warum rollen sich Kellerasseln nicht zusammen?
Im Gegensatz zu den eng verwandten Rollasseln (Armadillidiidae) besitzt die Kellerassel (Porcellio scaber) nicht die anatomische Fähigkeit, sich bei Gefahr zu einer perfekten Kugel zusammenzurollen. Sie verlässt sich stattdessen auf Flucht, das Verstecken in engen Spalten und ihren flachen Körperbau.
Wie atmen Kellerasseln?
Kellerasseln atmen primär über Kiemen an ihren Hinterleibsbeinen, die durch ein spezielles Wasserleitungssystem ständig feucht gehalten werden müssen. Zusätzlich besitzen sie Pseudotracheen (Tracheenlungen), mit denen sie Sauerstoff direkt aus der Luft aufnehmen können.
Warum fressen Kellerasseln ihren eigenen Kot?
Dieses Verhalten (Koprophagie) dient der Rückgewinnung von lebenswichtigen Nährstoffen wie Kupfer und Kalzium. Zudem nehmen sie so wichtige endosymbiontische Bakterien wieder auf, die sie für die Verdauung von zähem Pflanzenmaterial (Zellulose) benötigen.
Sind Kellerasseln Schädlinge?
Nein, in der Regel sind sie äußerst nützliche Destruenten, die totes Pflanzenmaterial in wertvollen Humus umwandeln. Nur bei massenhaftem Auftreten in Gewächshäusern oder an sehr jungen Keimlingen können sie gelegentlich Fraßschäden verursachen.
Fazit
Der Steckbrief der Kellerassel offenbart ein Lebewesen, das weit mehr ist als ein bloßer Kellerbewohner. Als Krebstier, das den Landgang vollzogen hat, zeigt Porcellio scaber erstaunliche evolutionäre Anpassungen — vom körpereigenen Wasserleitungssystem über die doppelte Atmung bis hin zum schützenden Marsupium für den Nachwuchs. Anstatt sie aus dem Garten zu verbannen, sollten wir diese nützlichen Humusbildner und wichtigen Bioindikatoren als unverzichtbaren Teil eines gesunden Ökosystems schätzen. Wenn Sie das nächste Mal eine Kellerassel unter einem Blumentopf entdecken, betrachten Sie sie nicht als Ungeziefer, sondern als ein kleines, hochkomplexes Wunder der Natur.
Wissenschaftliche Quellen
- Pädagogische Hochschule Karlsruhe (Autorin: Jessica Lange): Die Kellerassel - Porcellio scaber (Merkmale & Systematik). Ökologischer Lehrgarten.
- Pädagogische Hochschule Karlsruhe (Autorin: Jessica Lange): Die Kellerassel - Porcellio scaber (Fortpflanzung, Nahrung, Lebensraum). Ökologischer Lehrgarten.
- Paoletti, M.G., Hassall, M. (1999). Woodlice (Isopoda: Oniscidea): their potential for assessing sustainability and use as bioindicators. Agriculture, Ecosystems and Environment 74, 157–165.
- Devigne, C., Broly, P., Deneubourg, J.-L. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
- Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., Hornung, E. (2018). Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.
- Umweltbundesamt (UBA): Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Abgerufen von umweltbundesamt.de.
- Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftskommunikation.
- Animal Diversity Web (University of Michigan): Porcellio scaber (Common rough woodlouse).