Wer beim Umgraben des Komposts oder beim Anheben eines alten Blumentopfs auf eine Kolonie von Kellerasseln (Porcellio scaber) stößt, macht sich selten Gedanken über deren Hinterlassenschaften. Doch der Kot von Kellerasseln ist weit mehr als nur ein unbedeutendes Abfallprodukt der Natur. In der Bodenökologie spielen die winzigen, dunklen Kothäufchen dieser landlebenden Krebstiere eine absolute Schlüsselrolle. Noch faszinierender ist jedoch das Verhalten der Tiere selbst: Kellerasseln fressen ihren eigenen Kot. Dieses auf den ersten Blick befremdliche Verhalten, die sogenannte Koprophagie, ist eine hochkomplexe evolutionäre Anpassung, die das Überleben der Tiere sichert und gleichzeitig unseren Boden fruchtbar macht [3, 6]. Tauchen wir tief in die verborgene Welt der Makrodestruenten ein und entschlüsseln wir das Geheimnis der Assel-Ausscheidungen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Koprophagie als Überlebensstrategie: Kellerasseln fressen ihren eigenen Kot, um schwer verdauliche Nährstoffe (wie Zellulose) in einem zweiten Durchgang aufzuspalten und lebenswichtiges Kupfer zurückzugewinnen [5, 6].
- Mikrobiom-Transfer: Jungtiere nehmen über den Kot der erwachsenen Tiere essenzielle, symbiotische Bakterien auf, die sie für ihre eigene Verdauung benötigen [6].
- Chemische Kommunikation: Der Kot enthält spezifische Aggregationspheromone, die anderen Asseln signalisieren, wo sich sichere und feuchte Verstecke befinden [4].
- Hochwertiger Humus: Asselkot ist im Grunde feinstes, vorverdautes Pflanzenmaterial und bildet die Grundlage für nährstoffreichen Humus im Garten [1, 3].
- Kein flüssiger Urin: Asseln scheiden giftiges Ammoniak als Gas über ein spezielles Wasserleitungssystem aus, weshalb ihr fester Kot kaum aggressive Stickstoffverbindungen enthält [2, 5].

Koprophagie: Warum Kellerasseln ihren eigenen Kot fressen
Das Phänomen der Koprophagie (das Fressen von Kot) ist im Tierreich nicht ungewöhnlich – man kennt es von Kaninchen oder Meerschweinchen. Bei terrestrischen Isopoden wie der Kellerassel erfüllt es jedoch gleich mehrere, hochspezifische biochemische Zwecke. Die Nahrung der Kellerassel besteht primär aus abgestorbenem, oft schwer verdaulichem Pflanzenmaterial, morschem Holz und Pilzgeflechten [1, 6]. Diese Materialien sind reich an Zellulose und Lignin, aber arm an leicht verfügbaren Nährstoffen.
Doppelte Verdauung für maximale Nährstoffausbeute
Wenn eine Kellerassel ein Stück totes Laub frisst, passiert dieses den Verdauungstrakt relativ schnell. Die im Darm und im Hepatopankreas (der Mitteldarmdrüse) ansässigen Enzyme und endosymbiotischen Bakterien – wie etwa Candidatus Rhabdochlamydia porcellionis – beginnen mit der Zersetzung der Zellulose [6]. Doch ein einziger Durchgang reicht oft nicht aus, um die zähen Pflanzenfasern vollständig aufzuspalten. Der ausgeschiedene Kot enthält daher noch immer einen hohen Anteil an unverdauten, aber nun mikrobiell "vorbehandelten" Nährstoffen. Indem die Assel diesen Kot erneut frisst, durchläuft die Nahrung einen zweiten Fermentationsprozess. Die Nährstoffaufnahme wird so drastisch optimiert [3].
Kupfer-Recycling für das blaue Blut
Ein weiterer, faszinierender Grund für den Verzehr des eigenen Kots liegt im Blut der Tiere. Im Gegensatz zu Wirbeltieren, die eisenhaltiges Hämoglobin für den Sauerstofftransport nutzen, besitzen Kellerasseln Hämocyanin. Dieses Protein basiert auf Kupfer und verleiht dem Blut der Tiere eine bläuliche Färbung [6]. Kupfer ist in der terrestrischen Nahrung der Asseln jedoch oft ein Mangelelement. Um keinen Kupfermangel zu erleiden, recyceln Kellerasseln dieses wertvolle Spurenelement extrem effizient. Der Kot enthält Spuren von Kupfer, die beim ersten Verdauungsdurchgang nicht resorbiert wurden. Durch die Koprophagie wird das Kupfer zurückgewonnen und im Hepatopankreas gespeichert [5, 6].
Aggregationspheromone im Kot: Die chemische Sprache der Asseln
Kellerasseln sind extrem anfällig für Austrocknung. Da sie evolutionär von marinen Krebstieren abstammen, fehlt ihrem Außenpanzer (Cuticula) eine isolierende Wachsschicht, wie sie bei Insekten zu finden ist [1]. Um Wasserverluste zu minimieren, rotten sich die Tiere in dichten Gruppen (Aggregationen) an dunklen, feuchten Orten zusammen. Doch wie finden Hunderte von Asseln zielsicher denselben Unterschlupf?
Die Antwort liegt in ihren Ausscheidungen. Der Kot von Kellerasseln ist nicht nur Nahrung, sondern auch ein chemischer Wegweiser. Wissenschaftliche Verhaltensexperimente (z. B. in Y-Labyrinthen) haben gezeigt, dass Kellerasseln stark auf den Geruch von Artgenossen reagieren. Sie markieren ihr Substrat und ihre Verstecke gezielt mit ihrem Kot, der spezifische Aggregationspheromone enthält [4].
- Signalwirkung: Ein mit Kot markierter Bereich signalisiert: "Hier ist es sicher, hier ist es feucht, hier haben andere Artgenossen überlebt."
- Gruppenbindung: In binären Wahlversuchen bevorzugten Kellerasseln fast immer Papiere oder Untergründe, die zuvor mit Asselkot markiert wurden, gegenüber unmarkierten Flächen [4].
- Mikroklima-Stabilisierung: Je mehr Tiere durch den Kotgeruch angelockt werden, desto dichter wird die Gruppe. Eine dichte Aggregation reduziert die Verdunstungsoberfläche jedes einzelnen Tieres drastisch und sichert das Überleben der gesamten Kolonie in trockeneren Perioden [4].

Der Kot als Motor der Humusbildung
In der Ökologie werden Kellerasseln als Makrodestruenten (Großzersetzer) klassifiziert. Sie sind die Vorhut der Bodenbildung. Wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fällt, sind es Tiere wie die Kellerassel, die das grobe Material mechanisch zerkleinern. Sie fressen die Blätter und scheiden sie als winzige, zylinderförmige Kotpellets wieder aus [3].
Dieser Prozess ist für das Ökosystem von unschätzbarem Wert. Durch das Zerkauen der Blätter vergrößern die Asseln die Oberfläche des organischen Materials enorm. Der ausgeschiedene Kot ist zudem mit Feuchtigkeit und Darmbakterien angereichert. Für Mikroorganismen wie Pilze und bodenlebende Bakterien bietet dieser Kot den perfekten Nährboden. Sie zersetzen die Kotpellets weiter und wandeln sie schließlich in wertvollen, mineralstoffreichen Humus um [1, 5]. Ohne den Kot von Kellerasseln und anderen Bodenlebewesen würde sich totes Pflanzenmaterial meterhoch stapeln und der Nährstoffkreislauf des Waldes oder Gartens käme zum Erliegen.
Praxis-Tipp für Gärtner
Wenn Sie in Ihrem Komposthaufen große Mengen an Kellerasseln und deren krümeligen Kot finden, ist das ein hervorragendes Zeichen! Es bedeutet, dass die Zersetzungsprozesse optimal laufen. Der Kot der Asseln ist ein natürlicher, hochwirksamer Dünger, der die Bodenstruktur verbessert und Nährstoffe für Ihre Pflanzen pflanzenverfügbar macht. Bekämpfen Sie Asseln im Kompost niemals!

Urin vs. Kot: Das Geheimnis der Stickstoffausscheidung
Ein häufiges Missverständnis ist, dass der feste Kot der Kellerassel alle Abfallstoffe des Körpers enthält. Bei Säugetieren wird giftiger Stickstoff (ein Abbauprodukt von Proteinen) über den Urin als Harnstoff ausgeschieden. Kellerasseln haben hierfür jedoch ein völlig anderes, in der Natur einmaliges System entwickelt, das ihren festen Kot von aggressiven Stickstoffverbindungen freihält.
Kellerasseln scheiden Stickstoff in Form von Ammoniak aus. Da Ammoniak hochgiftig ist, muss es schnell aus dem Körper entfernt werden. Die Assel besitzt am Kopfbereich spezielle Drüsen, die ein harnähnliches Sekret absondern. Dieses Sekret fließt über ein ausgeklügeltes Wasserleitungssystem – gebildet durch Schuppenreihen des Außenskeletts – an der Bauchseite entlang bis zu den Kiemen (Pleopoden) am Hinterleib [2, 5].
Auf diesem Weg verdunstet das giftige Ammoniakgas einfach in die Luft. Das nun ammoniakfreie, gereinigte Wasser befeuchtet die Kiemen, die die Assel zwingend zur Atmung an Land benötigt. Überschüssiges Wasser fließt weiter zum After und wird vom Körper resorbiert [2, 5]. Dieses geniale Recycling-System bedeutet, dass der eigentliche, feste Kot der Kellerassel kaum toxische Stoffwechselabfälle enthält, sondern fast ausschließlich aus unverdauten Pflanzenresten und Bakterien besteht. Das macht ihn so verträglich und wertvoll für den Boden.
Schwermetalle im Kot: Asseln als Bioindikatoren
Eine weitere Besonderheit der Assel-Verdauung ist ihr Umgang mit toxischen Schwermetallen. In belasteten Böden (z. B. in Industriegebieten oder in der Nähe von Straßen) nehmen Kellerasseln mit ihrer Nahrung auch Blei, Cadmium, Zink und überschüssiges Kupfer auf. Anstatt an diesen Giften zu sterben, isolieren sie die Metalle in speziellen Vesikeln (Lysosomen) ihres Hepatopankreas [3, 5].
Etwa 90 % aller aufgenommenen Metallionen werden im Körper der Assel immobilisiert und gespeichert [5]. Ein Teil dieser Metalle wird jedoch bei der Häutung oder über den Kot wieder in die Umwelt abgegeben. Da Kellerasseln stark standorttreu sind und Schadstoffe akkumulieren, wird ihr Kot und ihr Gewebe in der Ökotoxikologie häufig untersucht, um den Grad der Bodenverschmutzung zu messen. Sie dienen Wissenschaftlern als lebende Bioindikatoren für die Gesundheit unseres Bodens [3].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist der Kot von Kellerasseln gefährlich oder giftig?
Nein, der Kot von Kellerasseln ist für Menschen und Haustiere völlig ungefährlich. Er besteht fast ausschließlich aus zersetztem Pflanzenmaterial, Holzfasern und harmlosen Bodenbakterien. Er enthält keine aggressiven Stoffwechselgifte, da die Assel diese als Ammoniakgas über ihren Panzer ausdünstet.
Wie sieht der Kot von Kellerasseln aus?
Asselkot gleicht winzigen, dunkelbraunen bis schwarzen, zylinderförmigen Krümeln. Mit bloßem Auge sieht eine Ansammlung von Asselkot oft aus wie sehr feine, dunkle Erde oder Kaffeesatz. Er findet sich meist unter Blumentöpfen, Steinen oder im Kompost.
Warum fressen Kellerasseln ihren eigenen Kot?
Dieses Verhalten nennt man Koprophagie. Sie tun dies, um schwer verdauliche Pflanzenfasern in einem zweiten Durchgang besser aufzuspalten, lebenswichtiges Kupfer für ihr Blut zurückzugewinnen und um essenzielle Darmbakterien aufzunehmen, die besonders für Jungtiere überlebenswichtig sind.
Ist Kellerassel-Kot ein guter Dünger?
Ja, absolut. Der Kot ist ein essenzieller Bestandteil der Humusbildung. Er bietet eine riesige Oberfläche für zersetzende Mikroorganismen und wandelt totes organisches Material in nährstoffreiche, pflanzenverfügbare Erde um.
Übertragen Kellerasseln durch ihren Kot Krankheiten?
Nein. Kellerasseln sind keine Hygieneschädlinge. Die Bakterien in ihrem Darm und Kot sind spezialisiert auf den Abbau von Zellulose und totem Pflanzenmaterial. Sie übertragen keine für den Menschen relevanten Krankheitserreger.
Fazit: Ein Meisterwerk der ökologischen Wiederverwertung
Der Kot von Kellerasseln ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie effizient die Natur Ressourcen nutzt. Was für uns wie Schmutz aussieht, ist für die Assel ein chemisches Kommunikationsmittel, eine lebensrettende Nährstoff- und Bakterienquelle und für unser Ökosystem der Grundbaustein für fruchtbaren Boden. Die Koprophagie der Kellerasseln zeigt, dass in der Natur nichts verschwendet wird. Wenn Sie das nächste Mal eine Gruppe dieser kleinen Krebstiere unter einem Stein entdecken, wissen Sie nun: Hier wird gerade hart gearbeitet, um Abfall in neues Leben zu verwandeln. Schützen Sie diese nützlichen Makrodestruenten und lassen Sie sie in Ihrem Garten ungestört ihr wichtiges Werk verrichten.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Umweltbundesamt (UBA): Kellerassel (Porcellio scaber) - Aussehen und Vorkommen. Ökologische Bedeutung als Humusbildner.
- Lange, J. (Pädagogische Hochschule Karlsruhe): Die Kellerassel - Porcellio scaber. Ökologischer Lehrgarten. Analyse des Wasserleitungssystems und der Ammoniak-Ausscheidung.
- Paoletti, M. G., & Hassall, M. (1999). Woodlice (Isopoda: Oniscidea): their potential for assessing sustainability and use as bioindicators. Agriculture, Ecosystems & Environment, 74(1-3), 157-165.
- Devigne, C., Broly, P., & Deneubourg, J. L. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE, 6(2), e17389.
- Preisfeld, G. (Bergische Universität Wuppertal): Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Wissenschaftskommunikation zur Bioakkumulation und Exkretion bei Isopoden.
- Animal Diversity Web (ADW): Porcellio scaber - common rough woodlouse. University of Michigan. Analyse der Koprophagie, Endosymbionten und Kupfer-Speicherung.