Wenn die Temperaturen fallen und der erste Frost den Boden überzieht, verschwinden viele Insekten und Kleintiere scheinbar spurlos aus unseren Gärten. Doch wer in der kalten Jahreszeit einen Blumentopf anhebt, altes Laub beiseite räumt oder den heimischen Keller betritt, trifft sie oft in dichten Gruppen an: die Kellerasseln. Die Frage, wie überwintern Kellerasseln, fasziniert Biologen und Naturfreunde gleichermaßen. Denn diese kleinen Krebstiere, die den evolutionären Sprung aus dem Meer an Land gewagt haben, stehen im Winter vor gewaltigen physiologischen Herausforderungen. Sie müssen nicht nur eisigen Temperaturen trotzen, sondern vor allem einer oft unterschätzten Gefahr: der winterlichen Austrocknung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wechselwarme Tiere: Kellerasseln (Porcellio scaber) sind ektotherm. Ihre Körpertemperatur und ihr Stoffwechsel sinken mit der Umgebungstemperatur.
- Gefahr der Austrocknung: Da ihnen eine schützende Wachsschicht auf dem Panzer fehlt, ist die trockene Winterluft und gefrorener Boden (kein flüssiges Wasser) lebensbedrohlich.
- Natürliche Winterquartiere: In der Natur ziehen sie sich tief in den Boden, unter dicke Laubschichten, in Totholz oder in wärmende Komposthaufen zurück.
- Flucht ins Haus: Frostfreie, feuchte Keller und Garagen bieten ideale mikroklimatische Bedingungen für die Überwinterung.
- Aggregation: Das dichte Zusammenkuscheln in Gruppen ist eine überlebenswichtige Strategie, um den Wasserverlust im Winter drastisch zu reduzieren.

Die Biologie der Kälte: Warum der Winter für Asseln lebensbedrohlich ist
Um zu verstehen, wie überwintern Kellerasseln, muss man zunächst einen Blick auf ihre evolutionäre Herkunft werfen. Kellerasseln gehören zur Ordnung der Isopoda (Gleichfüßer) und sind landlebende Krebstiere (Crustacea) [1, 7]. Im Gegensatz zu Insekten, die sich im Laufe von hunderten Millionen Jahren perfekt an das Landleben und extreme Klimata angepasst haben, tragen Asseln noch immer das physiologische Erbe ihrer marinen Vorfahren in sich.
Ektothermie und Kältestarre
Kellerasseln sind ektotherm (wechselwarm) [8]. Das bedeutet, sie können keine eigene Körperwärme produzieren. Fällt die Außentemperatur, sinkt auch ihre Körpertemperatur, und alle Stoffwechselprozesse verlangsamen sich drastisch. Bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt verfallen sie in eine sogenannte Quieszenz (Kältestarre). In diesem Zustand sind sie nahezu bewegungsunfähig und nehmen keine Nahrung mehr auf. Ein plötzlicher, ungeschützter Frosteinbruch führt unweigerlich zum Tod, da sich Eiskristalle in ihren Körperflüssigkeiten bilden würden, welche die Zellwände zerstören.
Das Problem der winterlichen Austrocknung
Die weitaus größere Gefahr als die Kälte selbst ist jedoch die Austrocknung. Der Außenpanzer (Cuticula) der Kellerasseln besitzt keine isolierende Wachsschicht (Lipidschicht), wie man sie bei den meisten Insekten findet [5, 6]. Dadurch verdunstet Wasser kontinuierlich über ihre Körperoberfläche. Zudem atmen sie über modifizierte Kiemen an den Hinterleibsbeinen (Pleopoden) sowie über sogenannte Tracheenlungen [7]. Diese Atmungsorgane müssen zwingend feucht gehalten werden, damit der Gasaustausch (Sauerstoffaufnahme) funktionieren kann.
Im Winter sinkt die absolute Luftfeuchtigkeit oft stark ab (kalte Luft kann weniger Wasserdampf speichern). Wenn der Boden gefriert, steht den Tieren zudem kein flüssiges Wasser mehr zur Verfügung. Ihr einzigartiges, in der Natur einmaliges Wasserleitungssystem, das durch Schuppenreihen des Außenskeletts gebildet wird und sogar den eigenen Urin recycelt [1, 7], gerät bei Frost ins Stocken. Die Überwinterungsstrategie der Kellerassel zielt also primär darauf ab, Orte zu finden, an denen flüssiges Wasser und eine hohe relative Luftfeuchtigkeit (über 70 %) dauerhaft garantiert sind.
Wussten Sie schon?
Kellerasseln scheiden giftigen Ammoniak nicht als flüssigen Urin aus, sondern lassen ihn als Gas über ihr Wasserleitungssystem verdunsten [1, 7]. Im Winter, wenn der Stoffwechsel ruht, wird auch dieser Prozess auf ein absolutes Minimum reduziert, um wertvolles Wasser im Körper zu behalten.

Strategien in der Natur: Wo überwintern Kellerasseln draußen?
Da sie dem Frost nicht ungeschützt ausgesetzt sein dürfen, beginnt bereits im späten Herbst eine massive vertikale und horizontale Migration der Asselpopulationen. Sie verlassen die oberflächlichen, bald gefrierenden Schichten und suchen gezielt nach Mikroklimata, die den Winter über stabil bleiben.
Der Komposthaufen: Eine winterliche Oase
Einer der beliebtesten Überwinterungsorte in unseren Gärten ist der Komposthaufen. Hier finden Kellerasseln ideale Bedingungen: Durch die mikrobielle Zersetzung von organischem Material (Bakterien und Pilze) entsteht im Inneren des Komposts Verrottungswärme. Selbst wenn der Komposthaufen an der Oberfläche gefroren ist, herrschen im Kern oft Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt. Zudem ist die Feuchtigkeit hier extrem hoch. Als wichtige Humusbildner (Destruenten) [6, 7] finden sie hier, sobald die Temperaturen an milden Wintertagen leicht ansteigen, sofort Nahrung in Form von abgestorbenen Pflanzenteilen.
Tiefes Erdreich, Totholz und Moospolster
In natürlichen Waldökosystemen, wo kein künstlicher Kompost zur Verfügung steht, graben sich Kellerasseln tief in den lockeren Waldboden ein, oft bis in frostfreie Tiefen. Auch das Innere von stark verrottetem Totholz (morsche Baumstämme) bietet hervorragenden Schutz, da das feuchte Holz isolierend wirkt und Temperaturschwankungen abpuffert. Beobachtungen zeigen zudem, dass sich Populationen im Herbst gezielt in moosige Bereiche an den Stammbasen von Bäumen zurückziehen [8], da Moos wie ein Schwamm Feuchtigkeit speichert und vor eisigen Winden schützt, die die Verdunstungsrate (und damit das Austrocknungsrisiko) erhöhen würden.
Der Weg ins Haus: Warum Kellerasseln im Winter Innenräume aufsuchen
Jeder Hausbesitzer kennt das Phänomen: Pünktlich zum Wintereinbruch tauchen vermehrt Kellerasseln in Kellern, Waschküchen, Garagen oder Gewächshäusern auf. Dieses Verhalten ist eine direkte Überlebensstrategie. Die Tiere werden von den stabilen, frostfreien Temperaturen und der oft höheren Luftfeuchtigkeit im Mauerwerk angezogen.
Das perfekte Mikroklima im Keller
Ein typischer, nicht voll beheizter Altbaukeller bietet Temperaturen zwischen 5 und 12 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von über 60 %. Für die Kellerassel (Porcellio scaber) und ihre Verwandte, die Mauerassel (Oniscus asellus) [1, 7], sind dies paradiesische Zustände. Sie dringen durch winzige Ritzen im Mauerwerk, undichte Kellerfenster oder unter Türspalten hindurch. Da sie stark lichtscheu (negativ phototaktisch) sind [8], verbergen sie sich tagsüber unter Kartons, in Ecken oder unter gelagertem Kaminholz.
Achtung: Die Todesfalle Wohnzimmer
Verirrt sich eine Kellerassel im Winter in beheizte Wohnräume, ist ihr Schicksal meist besiegelt. Die warme Heizungsluft hat eine extrem niedrige relative Luftfeuchtigkeit. Ohne schützende Wachsschicht auf dem Panzer vertrocknen die Krebstiere in Wohnräumen oft innerhalb weniger Stunden. Wenn Sie Asseln im Wohnzimmer finden, setzen Sie diese am besten nach draußen in einen Laubhaufen oder in den feuchten Keller um.

Aggregation als soziale Überlebensstrategie in der kalten Jahreszeit
Ein faszinierender Aspekt bei der Frage, wie überwintern Kellerasseln, ist ihr ausgeprägtes Sozialverhalten. Kellerasseln überwintern selten allein. Werden Winterquartiere aufgedeckt, findet man oft Dutzende oder gar Hunderte Individuen dicht aneinandergedrängt. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als Aggregation bezeichnet und ist intensiv erforscht worden [3, 4].
Der Allee-Effekt und die Reduzierung des Wasserverlusts
Wissenschaftliche Studien belegen, dass die Aggregation von Asseln an dunklen, feuchten Orten eine direkte evolutionäre Anpassung an das Landleben ist [3]. Durch das dichte Zusammenkuscheln (Thigmotaxis – das Streben nach Körperkontakt) [4, 8] verringern die Tiere die dem Luftstrom ausgesetzte Gesamtoberfläche der Gruppe drastisch. Dies führt zu einem messbaren Rückgang des Wasserverlusts durch Verdunstung. In der Ökologie spricht man hierbei von einem positiven dichteabhängigen Prozess (Allee-Effekt) [3]: Die Überlebenschance des einzelnen Individuums in rauen Winterbedingungen steigt signifikant an, je mehr Artgenossen sich in der Gruppe befinden.
Zudem schaffen die Tiere durch ihre Atmung und minimale Transpiration innerhalb des Assel-Haufens ein eigenes, feuchtigkeitsgesättigtes Mikroklima. Pheromone, die unter anderem über die Fäkalien abgegeben werden, helfen den Tieren im späten Herbst, diese lebensrettenden Aggregationen zu finden und sich zusammenzuschließen [3, 8].
Stoffwechsel, Häutung und Fortpflanzung während der Winterruhe
Der Winter bedeutet für die Kellerassel einen kompletten Stillstand ihrer normalen Lebenszyklen. Da sie eine Lebenserwartung von etwa zwei bis drei Jahren haben (manche Quellen sprechen von bis zu 5 Jahren) [7, 8], müssen sie in ihrem Leben mehrere Winter überstehen.
Fortpflanzungspause im Winter
Die Fortpflanzung der Kellerasseln ist streng saisonal und findet in den wärmeren Frühlings- und Sommermonaten statt [8]. Die Weibchen tragen die befruchteten Eier in einer flüssigkeitsgefüllten Bauchtasche (Marsupium), die wie ein kleines Aquarium funktioniert [1, 7]. Die Aufrechterhaltung dieses wässrigen Milieus für die Brut erfordert vom Muttertier enorm viel Wasser und Energie – Ressourcen, die im Winter schlichtweg nicht vorhanden sind. Daher gibt es im Winter keine Fortpflanzungsaktivitäten.
Aussetzen der Häutung
Um zu wachsen, müssen sich Kellerasseln häuten – bis zur Geschlechtsreife etwa 14 Mal [1, 7]. Die Häutung ist ein extrem kritischer Prozess, bei dem das Tier für kurze Zeit weich und noch anfälliger für Austrocknung ist. Zudem wird viel Energie benötigt, um das alte Außenskelett (Exuvie) abzuwerfen und das neue mit Kalzium auszuhärten. Während der Kältestarre im Winter wird der Wachstumsprozess und somit auch die Häutung vollständig ausgesetzt. Die Tiere zehren in dieser Zeit von Nährstoffen, die sie im Herbst in ihrem Hepatopankreas (einer Art Mitteldarmdrüse, die auch Schwermetalle speichert [2, 7]) eingelagert haben.
Kellerasseln im Winter: Tipps für Gartenbesitzer und Hausherren
Da Kellerasseln als Destruenten extrem wichtige Nützlinge für die Bodenqualität und die Humusbildung sind [6, 7], sollte man sie nach Möglichkeit schützen. Gleichzeitig ist es verständlich, dass man eine Massenüberwinterung im eigenen Keller vermeiden möchte.
So helfen Sie den Asseln im Garten
- Laub liegen lassen: Räumen Sie nicht das gesamte Herbstlaub aus den Beeten. Eine dicke Laubschicht isoliert den Boden und bietet Asseln (sowie vielen anderen Nützlingen) ein perfektes Winterquartier.
- Totholzhaufen anlegen: Ein paar morsche Äste oder Baumstümpfe in einer ruhigen Gartenecke sind Gold wert für die Überwinterung.
- Kompostruhe: Wenden Sie Ihren Komposthaufen nicht bei starkem Frost. Sie würden die wärmende Kernstruktur zerstören und die darin überwinternden Asseln dem sicheren Erfrierungstod aussetzen.
So halten Sie Asseln sanft aus dem Haus fern
- Ritzen abdichten: Verschließen Sie im Herbst Spalten an Kellerfenstern und Außentüren mit Dichtungsbändern.
- Feuchtigkeit reduzieren: Lüften Sie den Keller regelmäßig (Stoßlüften an trockenen, kalten Tagen), um die Luftfeuchtigkeit zu senken. Ein trockener Keller ist für Asseln unattraktiv.
- Umsiedeln statt töten: Wenn Sie Ansammlungen im Keller finden, fegen Sie die Tiere vorsichtig auf ein Kehrblech und setzen Sie sie an einem frostfreien Tag nach draußen in den Kompost.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie überwintern Kellerasseln in der Natur?
In der Natur ziehen sich Kellerasseln in frostfreie, feuchte Verstecke zurück. Bevorzugte Orte sind tiefe Bodenspalten, dicke Laubschichten, das Innere von morschem Totholz oder wärmende Komposthaufen.
Sterben Kellerasseln im Winter?
Nein, gesunde Kellerasseln sterben im Winter nicht zwangsläufig. Sie verfallen in eine Kältestarre (Quieszenz). Ohne einen geschützten, frostfreien Rückzugsort würden sie jedoch erfrieren oder aufgrund der trockenen Winterluft vertrocknen.
Warum kommen Kellerasseln im Winter ins Haus?
Häuser, insbesondere feuchte und kühle Keller, bieten ein stabiles Mikroklima. Die Asseln flüchten vor dem Frost und suchen Orte mit hoher Luftfeuchtigkeit, um nicht auszutrocknen, da sie keine schützende Wachsschicht auf ihrem Panzer haben.
Halten Kellerasseln einen echten Winterschlaf?
Nein, sie halten keinen Winterschlaf wie Säugetiere, sondern verfallen als wechselwarme Tiere in eine Kältestarre. Ihre Körpertemperatur und ihr Stoffwechsel passen sich passiv der kalten Umgebungstemperatur an.
Was fressen Kellerasseln im Winter?
Während der Kältestarre fressen sie gar nicht. An milderen Tagen, wenn sie in wärmeren Habitaten wie dem Komposthaufen aktiv werden, ernähren sie sich weiterhin von abgestorbenem, feuchtem Pflanzenmaterial und Pilzen.
Warum drängen sich Kellerasseln im Winter in Gruppen zusammen?
Dieses Verhalten nennt man Aggregation. Durch das dichte Zusammenkuscheln verringern die Asseln die Oberfläche, über die Wasser verdunsten kann. Es ist eine lebenswichtige Strategie, um in der trockenen Winterluft nicht zu vertrocknen.
Fazit: Meister der Anpassung im Mikrokosmos
Die Frage, wie überwintern Kellerasseln, offenbart ein faszinierendes Zusammenspiel aus Verhaltensbiologie und physiologischen Grenzen. Als Krebstiere an Land balancieren sie stets auf einem schmalen Grat zwischen Erfrieren und Vertrocknen. Ihre Strategie, sich in dichten Aggregationen in frostfreie, feuchte Mikroklimata wie Komposthaufen oder Keller zurückzuziehen, sichert ihr Überleben in der kalten Jahreszeit. Wenn Sie also im nächsten Winter eine Gruppe Kellerasseln in Ihrem Keller entdecken, betrachten Sie diese nicht als Schädlinge, sondern als kleine Überlebenskünstler und nützliche Humusbildner, die lediglich Zuflucht vor dem eisigen Winter suchen. Ein behutsames Umsiedeln in den Gartenkompost ist der beste Weg, diesen faszinierenden Tieren durch den Winter zu helfen.
Quellenverzeichnis
- Lange, J. (o.J.). Die Kellerassel - Porcellio scaber. Ökologischer Lehrgarten, Pädagogische Hochschule Karlsruhe.
- Paoletti, M. G., & Hassall, M. (1999). Woodlice (Isopoda: Oniscidea): their potential for assessing sustainability and use as bioindicators. Agriculture, Ecosystems and Environment 74, 157–165.
- Devigne, C., Broly, P., & Deneubourg, J.-L. (2011). Individual Preferences and Social Interactions Determine the Aggregation of Woodlice. PLoS ONE 6(2): e17389.
- Broly, P., Mullier, R., Deneubourg, J.-L., & Devigne, C. (2012). Aggregation in woodlice: social interaction and density effects. ZooKeys 176: 133–144.
- Csonka, D., Halasy, K., Buczkó, K., & Hornung, E. (2018). Morphological traits – desiccation resistance – habitat characteristics: a possible key for distribution in woodlice (Isopoda, Oniscidea). ZooKeys 801: 481–499.
- Umweltbundesamt (UBA). Kellerassel - Aussehen und Vorkommen. Abgerufen von https://www.umweltbundesamt.de/kellerassel
- Preisfeld, G. (2025). Der nachhaltige Nützling mit den zwei Atmungsorganen. Bergische Universität Wuppertal.
- Riggio, C. (o.J.). Porcellio scaber. Animal Diversity Web, University of Michigan.