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Können Lagererzwespen fliegen? Alles über die Mobilität der Nützlinge
April 13, 2026 Patricia Titz

Können Lagererzwespen fliegen? Alles über die Mobilität der Nützlinge

Wer mit Vorratsschädlingen wie dem Kornkäfer oder dem Tabakkäfer zu kämpfen hat, stößt schnell auf eine biologische Wunderwaffe: die Lagererzwespe (Lariophagus distinguendus). Doch während man die Schädlinge oft krabbeln sieht, stellt sich bei den winzigen Rettern eine entscheidende Frage für die effektive Bekämpfung: Können Lagererzwespen fliegen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht nur ein biologisches Detail, sondern bestimmt maßgeblich, wie und wo diese Nützlinge im Lager, in der Speisekammer oder im Silo eingesetzt werden können. In diesem umfassenden Ratgeber beleuchten wir die Flugfähigkeit, das Suchverhalten und die beeindruckende Mobilität dieser winzigen Wespen auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Flugfähigkeit: Ja, Lagererzwespen besitzen voll entwickelte Flügel und sind aktive Flieger.
  • Suchradius: Sie nutzen ihren Geruchssinn und den Flug, um Wirte über mehrere Meter Entfernung aufzuspüren [10].
  • Eindringtiefe: Trotz ihrer Flugfähigkeit können sie bis zu 4 Meter tief in Getreideschüttungen vordringen [3].
  • Temperaturabhängigkeit: Die Flugaktivität ist stark von der Umgebungstemperatur abhängig (optimal 18–35 °C) [10].
  • Anwendung: Durch ihre Mobilität erreichen sie auch versteckte Käferlarven in Ritzen und tiefen Schichten.

Anatomie der Lagererzwespe: Flügel für die Wirtssuche

Die Lagererzwespe (Lariophagus distinguendus) gehört zur Familie der Pteromalidae innerhalb der Erzwespen (Chalcidoidea). Mit einer Körpergröße von nur 2 bis 3 Millimetern ist sie für das menschliche Auge kaum mehr als ein winziger dunkler Punkt. Dennoch offenbart die Mikroskopie eine hochkomplexe Anatomie, die perfekt auf ihre Rolle als Parasitoid abgestimmt ist. Ein zentrales Merkmal sind die zwei Paare glasklarer Flügel, die kaum sichtbare Adern aufweisen [10].

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Morphologie zeigen, dass diese Flügel nicht nur funktional, sondern auch diagnostisch wichtig sind. Auf den Flügeln befinden sich sogenannte Interferenzfarbmuster, die unter speziellem Licht sichtbar werden und zur Identifizierung der Arten genutzt werden können [5]. Diese Flügel ermöglichen es der Wespe, sich im dreidimensionalen Raum eines Lagers effizient zu bewegen. Im Gegensatz zu vielen anderen Insekten, die ihre Flügel im Laufe der Evolution eingebüßt haben (wie etwa manche Käferarten in stabilen Umgebungen), ist die Lagererzwespe auf ihre Flugfähigkeit angewiesen, um neue Nahrungsquellen und Wirte zu erschließen.

Wichtiger Hinweis zur Sichtbarkeit

Da die Wespen so klein sind, wird ihr Flug oft als kurzes "Hüpfen" oder schnelles Verschwinden wahrgenommen. In hellen Räumen fliegen sie oft zum Licht (Fenster), was bei der Ausbringung beachtet werden sollte.

Warum fliegen Lagererzwespen? Das Suchverhalten

Die Flugfähigkeit der Lagererzwespe dient primär einem Zweck: der Fortpflanzung. Die Weibchen beginnen unmittelbar nach dem Schlupf mit der Suche nach geeigneten Wirtslarven. Dabei verlassen sie sich auf einen hochsensiblen Geruchssinn, mit dem sie chemische Signale (Kairomone) wahrnehmen, die von den Larven der Vorratsschädlinge oder dem befallenen Substrat abgegeben werden [7].

Die olfaktorische Orientierung

Studien haben gezeigt, dass Lariophagus distinguendus in der Lage ist, befallene Getreidekörner über Distanzen von mehreren Metern zielsicher anzufliegen [10]. Dieser Fernflug ist entscheidend, wenn die Schädlinge nicht flächendeckend, sondern in Nestern (sogenannten "Hotspots") auftreten. Sobald die Wespe in die Nähe des Wirts gelangt, wechselt sie vom Flug in den Laufmodus, um die Oberfläche des Korns oder des Sacks genau zu untersuchen.

Einsatz gegen den Tabakkäfer und Kornkäfer

Besonders interessant ist die Mobilität beim Einsatz gegen den Tabakkäfer (Lasioderma serricorne). Da dieser Käfer oft in Tabakballen oder Kräuterlagern tief im Inneren der Ware sitzt, muss die Wespe nicht nur fliegen, um die Ballen zu erreichen, sondern auch aktiv in Zwischenräume krabbeln [1]. Die Kombination aus Flug (für die Distanz) und Krabbeln (für die Tiefe) macht sie zu einem der effektivsten Nützlinge im Vorratsschutz.

Mobilität unter Tage: Wie tief dringen sie ein?

Obwohl die Frage "Können Lagererzwespen fliegen?" mit einem klaren Ja beantwortet werden kann, ist ihre Fähigkeit zu krabbeln mindestens ebenso beeindruckend. In Getreidesilos stellt sich oft das Problem, dass Schädlinge wie der Kornkäfer (Sitophilus granarius) nicht nur an der Oberfläche sitzen. Hier zeigt die Lagererzwespe eine außergewöhnliche Leistung: Sie kann bis zu 4 Meter tief in Getreideschüttungen vordringen [3].

Dieser Vorgang ist kein Flug im eigentlichen Sinne, sondern ein aktives Durchzwängen durch die Zwischenräume der Körner. Dennoch ist der Flug die Voraussetzung dafür, dass die Wespen sich über der Schüttung verteilen können, bevor sie den Abstieg beginnen. Untersuchungen der "Neuen Berliner Schule" haben bestätigt, dass die Wespen durch diese Mobilität die Populationsentwicklung von Kornkäfern um bis zu 94 % unterdrücken können [3].

Praxis-Tipp: Ausbringung optimieren

Nutzen Sie die Flugfähigkeit der Wespen aus! Sie müssen die Nützlinge nicht auf jedes einzelne Korn setzen. Es genügt, die Zuchtboxen oder Kärtchen in regelmäßigen Abständen im Raum oder auf der Schüttung zu verteilen. Die Wespen finden ihren Weg durch Flug und Geruchssinn von selbst [10].

Einflussfaktoren auf die Flugaktivität

Die Flugfähigkeit ist kein statisches Merkmal, sondern wird von Umweltfaktoren beeinflusst. Wer Lagererzwespen einsetzt, sollte diese Parameter kennen, um die maximale Effektivität zu gewährleisten.

  • Temperatur: Unter 15 °C findet kaum Flugaktivität statt. Die Wespen werden träge. Das Optimum liegt zwischen 18 °C und 35 °C [10]. Bei extremen Sommertemperaturen über 30 °C kann die Aktivität jedoch wieder sinken, da die Wespen versuchen, kühlere Schichten aufzusuchen [4].
  • Licht: Lagererzwespen sind tagaktiv und reagieren auf Lichtreize. In völlig dunklen Silozellen orientieren sie sich primär über den Geruchssinn, während sie in hellen Lagerräumen den Flug zur Verteilung nutzen.
  • Luftfeuchtigkeit: Eine relative Luftfeuchtigkeit von etwa 60 % gilt als ideal für die Vitalität und damit auch für die Flugbereitschaft [10].

Vergleich: Lariophagus distinguendus vs. Anisopteromalus calandrae

Oft werden zwei Arten von Erzwespen im Vorratsschutz kombiniert eingesetzt. Beide können fliegen, unterscheiden sich aber in ihren Vorlieben. Anisopteromalus calandrae (die Maiskäfererzwespe) ist etwas wärmeliebender als Lariophagus distinguendus [10]. In den Sommermonaten ist A. calandrae oft mobiler und flugaktiver bei hohen Temperaturen, während L. distinguendus auch bei etwas kühleren Bedingungen (bis 10 °C minimal) noch aktiv bleibt, wenn auch mit eingeschränktem Flug [10].

Wissenschaftliche Versuche haben gezeigt, dass A. calandrae besonders effektiv bei der Bekämpfung von Schädlingen in Reis und Mais ist, während L. distinguendus als Generalist ein breiteres Spektrum an Käferarten (mindestens 11 verschiedene Arten) abdeckt [1, 10]. Die Kombination beider Arten nutzt die unterschiedlichen Flug- und Aktivitätsoptima perfekt aus.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Fliegen die Wespen weg, wenn ich das Fenster öffne?

Ja, das ist möglich. Da Lagererzwespen zum Licht fliegen, sollten Fenster während der aktiven Behandlungsphase geschlossen bleiben oder mit feinen Insektenschutzgittern versehen werden. Ihr Ziel ist jedoch die Wirtssuche, nicht die Flucht ins Freie.

2. Wie weit können Lagererzwespen fliegen?

In geschlossenen Räumen decken sie problemlos Distanzen von 5 bis 10 Metern ab, um Wirte zu finden. Im Freiland ist ihr Flugradius weniger gut dokumentiert, aber für die Anwendung im Vorratsschutz ist ihre Fähigkeit, den gesamten Raum zu durchqueren, völlig ausreichend [10].

3. Können sie durch Verpackungen fliegen?

Sie fliegen zu den Verpackungen, müssen dann aber landen und krabbeln. Sie können durch Jute, Papier und grobe Webstoffe eindringen. Durch dichte Polyethylen-Folien (PE) können sie weder fliegen noch krabbeln [10].

4. Sind die fliegenden Wespen gefährlich für Menschen?

Nein. Lagererzwespen haben keinen Stachel, der die menschliche Haut durchdringen könnte. Sie interessieren sich ausschließlich für Käferlarven. Für Menschen und Haustiere sind sie absolut harmlos.

5. Warum sehe ich sie nicht fliegen?

Aufgrund ihrer geringen Größe von ca. 2 mm und ihrer dunklen Färbung sind sie im Flug fast unsichtbar. Man bemerkt sie meist erst, wenn sie auf einer hellen Oberfläche landen.

Fazit: Flugkraft im Dienste des Vorratsschutzes

Die Frage, ob Lagererzwespen fliegen können, lässt sich mit einem begeisterten Ja beantworten. Diese Fähigkeit ist der Schlüssel zu ihrer Effizienz als biologische Schädlingsbekämpfer. Durch den Flug überwinden sie Distanzen im Lagerraum, während ihre Krabbelfähigkeit es ihnen erlaubt, tief in Getreideschüttungen oder Warenballen einzudringen. Wer diese Nützlinge einsetzt, profitiert von einem hochmobilen System, das Schädlinge dort aufspürt, wo chemische Mittel oft versagen.

Für eine erfolgreiche Anwendung sollten Sie auf die richtige Umgebungstemperatur achten und den Wespen Zeit geben, ihr Revier fliegend zu erkunden. Wenn Sie mit Kornkäfern, Tabakkäfern oder Brotkäfern zu tun haben, ist die Lagererzwespe aufgrund ihrer Mobilität und Flugfähigkeit die erste Wahl für eine nachhaltige und giftfreie Lösung.

Quellen und wissenschaftliche Nachweise

  1. Steidle, J. L. M., et al. (2006): Potential der Lagererzwespe Lariophagus distinguendus zur Bekämpfung des Tabakkäfers Lasioderma serricorne. Mitt. Dtsch. Ges. allg. angew. Ent. 15.
  2. Riudavets, J., et al. (2023): Impact of the Parasitoids Anisopteromalus calandrae and Lariophagus distinguendus on Three Pests of Stored Rice. Insects 2023, 14, 355.
  3. Steidle, J. L. M. & Niedermayer, S. (2013): Biologische Bekämpfung von Vorratsschädlingen mit der Lagererzwespe. Journal für Kulturpflanzen, 65 (3).
  4. Niedermayer, S. & Steidle, J. L. M. (2007): Einfluss von Extremtemperaturen auf die Parasitierungsleistung. Organic Eprints.
  5. Nasahl, A.: Die Interferenzfarbmuster auf den Flügeln von Erzwespen. Universität Hohenheim, Humboldt reloaded.
  6. Jiménez-Martínez, M. L., et al. (2024): De Novo miRNAs from Anisopteromalus calandrae Conserved in the Order Hymenoptera. Insects 2024, 15, 1007.
  7. Steidle, J. L. M. (1998): The biology of Lariophagus distinguendus: a natural enemy of stored product pests. IOBC/wprs Bulletin 21(3).
  8. Schöller, M. (1998): Biologische Bekämpfung vorratsschädlicher Arthropoden mit Räubern und Parasitoiden. Sammelbericht und Bibliographie.
  9. Papadopoulou, S. C. (2004): Lariophagus distinguendus as an Ectoparasitoid of Lasioderma serricorne in Tobacco Stores in Greece. J. Pest Sci. 77.
  10. Ökolandbau.de: Erzwespen (Lariophagus distinguendus, Anisopteromalus calandrae) - Beschreibung und Biologie. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

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