Jeder Gartenbesitzer kennt das frustrierende Bild: Man wacht morgens auf, blickt aus dem Fenster und der einst makellose Rasen gleicht einer Miniatur-Gebirgslandschaft. Die Frage, die sich sofort aufdrängt, lautet: Zu welcher Uhrzeit gräbt der Maulwurf eigentlich? Handelt es sich um einen Nachtarbeiter, oder nutzt er die frühen Morgenstunden? Die Wissenschaft hat sich intensiv mit den Aktivitätsmustern von Talpa europaea beschäftigt. In diesem Ratgeber erfahren Sie alles über die biologischen Rhythmen, die saisonalen Unterschiede und warum das Wissen über die Uhrzeit entscheidend für ein friedliches Miteinander oder eine effektive Vergrämung ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
- 8-Stunden-Rhythmus: Maulwürfe folgen meist einem Zyklus von drei Aktivitätsphasen pro 24 Stunden [2][11].
- Kein reiner Nachtarbeiter: Aktivität findet sowohl tagsüber als auch nachts statt, oft mit Spitzen in der Dämmerung [1][8].
- Saisonale Schwankungen: Im Frühjahr und Herbst ist die Grabaktivität am höchsten [11][14].
- Stoffwechsel-Zwang: Aufgrund ihres hohen Energiebedarfs müssen sie alle paar Stunden fressen und somit graben [7][15].
- Kein Winterschlaf: Maulwürfe graben das ganze Jahr über, im Winter lediglich in tieferen Schichten [7][16].
Die Chronobiologie des Maulwurfs: Der 8-Stunden-Takt
Entgegen der landläufigen Meinung, der Maulwurf sei ausschließlich nachts aktiv, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen ein differenzierteres Bild. Forscher wie MacDonald und Godfrey haben nachgewiesen, dass der Europäische Maulwurf (*Talpa europaea*) einem polyphasischen Aktivitätsmuster folgt. Das bedeutet, sein Tag ist nicht in eine lange Schlaf- und eine lange Wachphase unterteilt, sondern in mehrere kurze Intervalle [11].
In der Regel zeigt der Maulwurf drei Hauptaktivitätsphasen innerhalb von 24 Stunden. Jede dieser Phasen dauert etwa vier bis fünf Stunden, gefolgt von einer ebenso langen Ruhepause [10]. Dieser Rhythmus wird primär durch den extrem schnellen Stoffwechsel des Tieres diktiert. Ein Maulwurf muss täglich etwa 60 bis 100 % seines eigenen Körpergewichts an Nahrung zu sich nehmen [15][16]. Da er keine großen Fettspeicher anlegen kann, zwingt ihn der Hunger regelmäßig dazu, seine Tunnel zu patrouillieren oder neue Jagdgänge anzulegen.
Tagaktiv oder Nachtaktiv? Was die Forschung sagt
Die Frage nach der genauen Uhrzeit lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten, da Umweltfaktoren eine große Rolle spielen. Studien von Bertolucci et al. (1999) haben gezeigt, dass Maulwürfe unter kontrollierten Bedingungen (konstante Dunkelheit) keinen klaren 24-Stunden-Rhythmus zeigen. Sobald sie jedoch einem natürlichen Licht-Dunkel-Zyklus ausgesetzt sind, ordnet sich ihre Aktivität [8].
Oft wird eine erhöhte Aktivität in der Dämmerung und nachts beobachtet [1]. Dies hat zwei Gründe: Erstens ist es an der Oberfläche ruhiger (weniger Erschütterungen durch Menschen oder Fahrzeuge), und zweitens wandern Regenwürmer – die Hauptnahrung des Maulwurfs – bei feuchter Nachtluft in die oberen Bodenschichten [11]. Der Maulwurf folgt schlicht seiner Beute. Dennoch gibt es auch am helllichten Tag Phasen intensiven Grabens, besonders wenn der Boden nach einem Regenschauer weich und nahrungsreich ist.
Der Einfluss von Licht und Sinnen
Obwohl der Maulwurf fast blind ist (er kann lediglich hell und dunkel unterscheiden), spielen seine Augen eine Rolle bei der Synchronisation seiner inneren Uhr mit der Außenwelt [9]. Spezielle neuronale Strukturen im Gehirn verarbeiten Lichtreize, um den Fortpflanzungszyklus und die täglichen Ruhezeiten zu steuern [8]. Sein wichtigstes Werkzeug für die Orientierung unter Tage ist jedoch das Eimersche Organ an der Schnauze – ein hochempfindliches Tastorgan, mit dem er feinste Vibrationen seiner Beute wahrnimmt [13].
Saisonale Unterschiede: Wann gräbt er am meisten?
Die Uhrzeit und Intensität des Grabens verschieben sich im Laufe des Jahres massiv. Wer die Aktivität verstehen will, muss den Kalender im Blick haben:
Frühling: Die Zeit der Expansion
Im März und April erreicht die Grabaktivität ihren Höhepunkt [14]. Die Männchen legen in dieser Zeit weite Strecken zurück, um paarungsbereite Weibchen zu finden. Dabei entstehen oft lange, gerade Tunnelreihen, die quer durch den Garten führen können [1]. Zudem ist der Boden im Frühjahr meist feucht und leicht zu bearbeiten.
Sommer: Rückzug in die Tiefe
Bei großer Hitze und Trockenheit ziehen sich Regenwürmer in tiefere, kühlere Bodenschichten zurück. Der Maulwurf folgt ihnen und gräbt nun deutlich tiefer. An der Oberfläche sieht man in dieser Zeit oft wochenlang keinen einzigen neuen Hügel, obwohl das Tier nach wie vor aktiv ist [11].
Herbst: Vorbereitung auf den Frost
Im Herbst, wenn die Jungtiere das Nest verlassen und eigene Reviere suchen, nimmt die sichtbare Aktivität wieder zu [14]. Zudem legen Maulwürfe nun Vorratskammern an. Sie beißen Regenwürmern die vorderen Segmente ab, sodass diese gelähmt sind, aber am Leben bleiben – ein lebender Vorrat für den Winter [15][16].
Winter: Aktivität trotz Kälte
Da der Maulwurf keinen Winterschlaf hält, muss er auch bei Frost graben [7]. Er nutzt dann seine tiefgelegenen Gänge unterhalb der Frostgrenze. In extrem feuchten Gebieten baut er in dieser Zeit sogenannte "Sumpfburgen" – besonders große Erdhaufen, die als isolierte Nester dienen, wenn der Grundwasserspiegel steigt [6][17].
Warum gräbt der Maulwurf überhaupt?
Das Graben ist für den Maulwurf kein Selbstzweck, sondern dient drei lebensnotwendigen Zielen:
- Nahrungssuche: Seine Tunnel fungieren als Fallen. Insekten, Larven und Würmer fallen in die Gänge und werden vom Maulwurf bei seinen regelmäßigen Kontrollgängen eingesammelt [13].
- Territorialität: Maulwürfe sind strikte Einzelgänger und verteidigen ihr Tunnelsystem aggressiv gegen Artgenossen. Ein Revier umfasst oft 200 bis 2000 Quadratmeter [1][2].
- Belüftung und Drainage: Die Hügel dienen auch dazu, das Gangsystem zu belüften und überschüssiges Wasser abzuführen [15].
Handlungsempfehlungen für Gartenbesitzer
Wenn Sie den Maulwurf vergrämen möchten (töten ist streng verboten!), sollten Sie seine Aktivitätszeiten nutzen. Da er sehr empfindlich auf Geräusche und Gerüche reagiert, sind Maßnahmen dann am effektivsten, wenn er sich in den oberen Gängen aufhält.
Effektive Methoden zur Vergrämung
- Geruchsstopp: Hausmittel wie in Spiritus getränkte Lappen, Molke oder saure Milch können in die Gänge gegeben werden. Da der Maulwurf mehrmals täglich seine Gänge kontrolliert, wird er den störenden Geruch schnell wahrnehmen [21].
- Akustische Signale: Klopfgeräusche oder Windspiele, die Vibrationen in den Boden übertragen, stören sein empfindliches Gehör. Laut Studien sind kommerzielle "Maulwurfschrecks" jedoch oft nur von begrenzter Dauer wirksam, da sich die Tiere an konstante Geräusche gewöhnen [20].
- Lebendfallen: In einigen Regionen ist das Umsetzen mit Genehmigung erlaubt. Fallen müssen aufgrund des schnellen Stoffwechsels des Tieres alle 2-3 Stunden kontrolliert werden, da der Maulwurf sonst verhungert [21].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gräbt der Maulwurf nur nachts?
Nein, der Maulwurf folgt einem 8-Stunden-Rhythmus und ist über den gesamten Tag verteilt aktiv. Spitzenzeiten liegen jedoch oft in der Dämmerung und nachts, wenn es ruhiger ist.
Wann macht der Maulwurf Pause?
Zwischen seinen Aktivitätsphasen ruht der Maulwurf für etwa 4 bis 5 Stunden in seinem Nestbau, der meist tiefer im Boden liegt und gut gepolstert ist.
Hält der Maulwurf Winterschlaf?
Nein, Maulwürfe halten keinen Winterschlaf. Sie graben im Winter in tieferen, frostfreien Schichten weiter, um dort nach Nahrung zu suchen.
Warum sehe ich morgens so viele neue Hügel?
Das liegt daran, dass die nächtliche Ruhezeit der Menschen die Aktivität des Maulwurfs begünstigt und er ungestört graben kann. Zudem ist der Boden nachts oft feuchter.
Wie viel frisst ein Maulwurf am Tag?
Ein Maulwurf muss täglich fast sein eigenes Körpergewicht an Nahrung (ca. 60-100g) zu sich nehmen, um seinen hohen Energiebedarf zu decken.
Fazit
Der Maulwurf ist ein faszinierendes Tier mit einem streng getakteten Terminkalender. Sein 8-Stunden-Rhythmus sorgt dafür, dass er rund um die Uhr aktiv sein kann, wobei die Dämmerungsstunden oft am intensivsten genutzt werden. Wer versteht, dass der Maulwurf kein böswilliger Zerstörer, sondern ein nützlicher Insektenvertilger mit einem extremen Hunger ist, sieht die Hügel im Garten vielleicht mit etwas mehr Gelassenheit. Wenn die Vergrämung dennoch notwendig ist, sollte sie stets respektvoll und im Einklang mit dem Tierschutz erfolgen.
Quellenverzeichnis
- Lund, M. (1976): Control of the European Mole, Talpa europaea. Danish Pest Infestation Laboratory.
- MacDonald, D. W. et al. (1996): Spatial and temporal patterns in the activity of European moles. Oecologia, 109(1).
- Godfrey, G. K. (1955): A field study of the activity of the mole (Talpa europaea). Ecology, 36.
- Bertolucci, C. et al. (1999): Daily and circadian rhythms of rest and activity of Talpa romana. Rendiconti Lincei.
- Mühlbauer, S. & Witte, G. R. (1978): Beiträge zur Käfighaltung von Maulwürfen (Talpa europaea L.). Philippia.
- Johannesson-Groß, K. (1985): Der Maulwurf als Bewohner von Flußauen. Naturschutz in Nordhessen.
- Natur & Land (2020): Tier des Jahres 2020: Europäischer Maulwurf. Heft 1-2020.
- Plass, J. (2008): Der Eurasische Maulwurf (Talpa europaea). Biologiezentrum Linz.
- Johannesson-Groß, K. (1983): Der optische Sinn des Maulwurfs. Verh. Dtsch. Zool. Ges.
- Edwards, G. R. et al. (1999): Factors influencing molehill distribution in grassland. Journal of Applied Ecology.
- Funmilayo, O. (1977): Distribution and abundance of moles in relation to habitat. Oecologia.
- Gorman, M. & Lamb, A. (1994): An investigation into the efficacy of mechanical mole scarers. Animal Welfare.