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Was essen Motten? Der Speiseplan von Kleider- und Lebensmittelmotten
April 13, 2026 Patricia Titz

Was essen Motten? Der Speiseplan von Kleider- und Lebensmittelmotten

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Wenn wir kleine, flatternde Insekten in unserer Küche oder im Kleiderschrank entdecken, schrillen sofort die Alarmglocken. Die erste Frage, die sich stellt, lautet meist: Was essen Motten eigentlich? Die Antwort auf diese Frage ist faszinierend und kontraintuitiv zugleich. Denn der eigentliche Falter, den wir panisch durch die Wohnung jagen, frisst in der Regel überhaupt nichts. Der wahre Feind unserer Vorräte und Textilien ist winzig, kriecht im Verborgenen und hat einen schier unstillbaren Appetit: die Mottenlarve. Je nach Mottenart gleicht der Speiseplan der Larven entweder einem Feinkostladen oder einer Textilfabrik. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Biologie der Motten ein und klären, welche Stoffe und Lebensmittel auf dem Speiseplan stehen und wie es Kleidermotten sogar gelingt, unverdauliche Tierhaare zu zersetzen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Erwachsene Motten fasten: Die ausgewachsenen Falter der meisten Haushaltsmotten haben verkümmerte Mundwerkzeuge und nehmen keine Nahrung mehr auf.
  • Lebensmittelmotten-Larven: Bevorzugen kohlenhydrat- und fettreiche Kost wie Getreide, Nüsse, Schokolade, Trockenobst und Tiernahrung.
  • Kleidermotten-Larven: Ernähren sich ausschließlich von dem tierischen Protein Keratin (Wolle, Seide, Federn, Pelze).
  • Pflanzliche Stoffe sind sicher: Reine Baumwolle, Leinen oder synthetische Fasern können von Kleidermotten nicht verdaut werden.
  • Symbiotische Verdauung: Kleidermotten nutzen spezielle Bakterien in ihrem Darm, um das extrem widerstandsfähige Keratin aufzuspalten.
Vergleich der Nahrungsaufnahme von Mottenfalter und Larve.
Vergleich der Nahrungsaufnahme von Mottenfalter und Larve.

Der große Irrtum: Fressen erwachsene Motten überhaupt?

Ein weit verbreiteter Mythos besagt, dass die fliegenden Motten Löcher in unsere Pullover fressen oder sich über das Mehl hermachen. Das ist biologisch inkorrekt. Die zur Familie der Echten Motten (Tineidae) oder Zünsler (Pyralidae) gehörenden Schädlinge in unseren Haushalten besitzen im Erwachsenenstadium (als Imago) nur noch verkümmerte Mundwerkzeuge [3]. Sie können schlichtweg keine feste Nahrung mehr aufnehmen.

Die einzige Lebensaufgabe des erwachsenen Falters ist die Fortpflanzung. Nach dem Schlüpfen aus der Puppe leben sie nur noch ein bis zwei Wochen. In dieser Zeit paaren sie sich, und das Weibchen sucht instinktiv nach der perfekten Nahrungsquelle, um dort bis zu 500 Eier abzulegen [2]. Der eigentliche Fraß- und Materialschädling ist ausschließlich die Larve (Raupe), die unmittelbar nach dem Schlüpfen mit dem Fressen beginnt, um Energie für die spätere Verpuppung zu sammeln.

Was essen Lebensmittelmotten (Vorratsschädlinge)?

Lebensmittelmotten sind auf pflanzliche, trockene Vorräte spezialisiert. Ihr Nahrungsspektrum ist enorm breit, weshalb sie in fast jeder Küche fündig werden. Die Larven benötigen für ihre Entwicklung ein feuchtwarmes Klima und kohlenhydrat- sowie fettreiche Nahrung [2].

Die Speisekarte der Dörrobstmotte (Plodia interpunctella)

Die Kupferrote Dörrobstmotte ist der weltweit wohl wirtschaftlich bedeutendste Schädling für verarbeitete Lebensmittel [1]. Obwohl ihr Name suggeriert, dass sie nur getrocknete Früchte frisst, ist sie ein echter Allesfresser im Vorratsschrank. Zu ihrer bevorzugten Nahrung gehören:

  • Nüsse und Ölsaaten: Walnüsse, Mandeln, Pistazien, Erdnüsse und Sonnenblumenkerne. Forschungen zeigen, dass Larven, die mit Nüssen gefüttert werden, eine deutlich höhere Fruchtbarkeit aufweisen als solche, die nur Weizen fressen [1].
  • Getreideprodukte: Mehl, Grieß, Schrot, Kleie, Haferflocken, Müsli und Nudeln.
  • Süßwaren: Schokolade, Kakao und Bonbons [4].
  • Trockenobst: Rosinen, getrocknete Aprikosen, Feigen.

Was frisst die Mehlmotte (Ephestia kuehniella)?

Die Mehlmotte ist etwas wählerischer als die Dörrobstmotte, gilt aber als äußerst hartnäckig. Wie der Name verrät, bevorzugt sie als Nährsubstrat stärkehaltige Produkte. Dazu zählen in erster Linie Weizenmehl, Roggenmehl, Backwaren und Getreidekörner. Sie verschmäht aber auch Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen) nicht [2].

Ungewöhnliche Nahrungsquellen der Vorratsmotten

Oft sucht man in der Küche vergeblich nach dem Befallsherd, weil die Mottenlarven Nahrungsquellen erschlossen haben, an die man im ersten Moment nicht denkt. Dazu gehören:

  • Trockentiernahrung: Hunde-, Katzen- und Vogelfutter sind extrem nährstoffreich und ein Paradies für Mottenlarven [2].
  • Gewürze und Heilkräuter: Selbst scharfe Gewürze oder getrocknete Heilkräuter und Früchtetees werden befallen [7].
  • Trockenmilch und Hefe: Auch stark verarbeitete, pulverförmige Lebensmittel bieten ausreichend Nährstoffe.

Achtung: Was Lebensmittelmotten NICHT essen

Es gibt einige wenige Dinge im Vorratsschrank, die vor Motten sicher sind. Dazu gehören reine Fette und Öle, stark zuckerhaltige Produkte (wie reiner Kristallzucker), reines Salz, stark geräucherte Waren, schwarzer Tee und gerösteter Kaffee [2].

Speiseplan und Verstecke von Lebensmittelmotten im Vorratsschrank.
Speiseplan und Verstecke von Lebensmittelmotten im Vorratsschrank.

Was essen Kleidermotten (Materialschädlinge)?

Während Lebensmittelmotten auf Kohlenhydrate aus sind, haben sich Kleidermotten (Tineola bisselliella) im Laufe der Evolution auf eine hochspezifische und für die meisten anderen Tiere völlig unverdauliche Diät spezialisiert: Keratin.

Keratin als Hauptnahrungsquelle

Keratin ist ein tierisches Strukturprotein, das sich durch einen hohen Anteil an Schwefel (Cystein) auszeichnet. Diese Schwefelbrücken machen das Protein extrem widerstandsfähig gegen enzymatischen Abbau [8]. Kleidermottenlarven benötigen dieses Protein zwingend für ihr Wachstum. Daher fressen sie:

  • Wolle: Pullover, Schals, Anzüge und Teppiche aus Schafschurwolle, Kaschmir, Alpaka oder Angora.
  • Federn und Daunen: Kissenfüllungen, Bettdecken und ausgestopfte Tiere.
  • Tierhaare und Pelze: Rosshaarfüllungen in alten Matratzen, Pelzmäntel, Tierborsten an Naturhaarbürsten [3].
  • Seide: Obwohl Seide aus Fibroin und Sericin (nicht Keratin) besteht, ist sie tierischen Ursprungs und wird von den Larven ebenfalls verdaut.

Warum fressen Kleidermotten keine Baumwolle oder Synthetik?

Kleidermottenlarven sind biologisch nicht in der Lage, pflanzliche Zellulose (Baumwolle, Leinen, Hanf, Jute) oder synthetische Fasern (Polyester, Polyacryl, Nylon) zu verdauen [3]. Wenn Sie dennoch Löcher in einem Baumwoll-Shirt finden, das neben einem Wollpullover lag, hat das zwei mögliche Gründe:

  1. Mischgewebe: Das Kleidungsstück besteht zu einem Teil aus Wolle (z.B. 80% Baumwolle, 20% Wolle). Die Larve frisst die Wollfasern heraus, wodurch das Gewebe instabil wird und Löcher entstehen.
  2. Durchbeißen ohne Verdauung: Wenn eine Larve auf der Suche nach Nahrung oder einem Platz zur Verpuppung ist, beißt sie sich mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen buchstäblich durch Hindernisse hindurch. Sie schluckt die Baumwoll- oder Synthetikfasern, scheidet sie aber unverdaut wieder aus [3].

Zudem werden pflanzliche Stoffe oft dann attackiert, wenn sie mit tierischen Substanzen verunreinigt sind (z.B. Schweiß, Hautschuppen, Blutflecken oder verschüttete Milch). Die Larve frisst dann eigentlich den Fleck und beschädigt dabei das Gewebe.

Das Geheimnis der Verdauung: Wie Mottenlarven Keratin knacken

Wie schaffen es Kleidermottenlarven, Haare und Federn zu verdauen, an denen selbst die Magensäure von Raubtieren scheitert? Die Antwort liegt in einer faszinierenden Symbiose. Neueste Forschungen zeigen, dass die Larven der Kleidermotte diese Aufgabe nicht allein bewältigen.

In ihrem anaeroben (sauerstofffreien) Mitteldarm herrscht ein extrem negatives Redoxpotential. Dies hilft bereits, die starken Disulfidbrücken des Keratins aufzuweichen. Der eigentliche Abbau erfolgt jedoch durch spezifische Bakterien im Darm der Larve. Wissenschaftler haben Bakterienstämme (wie Bacillus sp. FDAARGOS_235) aus dem Darm von Kleidermotten isoliert, die einen wahren Enzym-Cocktail produzieren [8]. Dieser Cocktail besteht aus:

  • Thiol-Disulfid-Oxidoreduktasen: Enzyme, die die Schwefelbrücken des Keratins endgültig aufbrechen.
  • Keratinasen und Proteasen: Enzyme, die das nun aufgeweichte Protein in kleine, verdauliche Aminosäuren zerschneiden [8].

Ohne diese mikrobiellen Helfer in ihrem Darm würden die Mottenlarven auf einem Berg von Wolle schlichtweg verhungern.

Verdauung von Wolle durch Bakterien im Mottenlarven-Darm.
Verdauung von Wolle durch Bakterien im Mottenlarven-Darm.

Allesfresser und Spezialisten: Besondere Mottenarten

Neben der klassischen Trennung in Lebensmittel- und Kleidermotten gibt es Arten, die die Grenzen verschwimmen lassen oder extrem kuriose Nahrungsquellen nutzen.

Die Samenmotte (Hofmannophila pseudospretella)

Die Samenmotte, auch Braune Hausmotte genannt, ist ein echter Überlebenskünstler. Sie benötigt eine hohe Luftfeuchtigkeit (über 80%) und ist oft ein Indikator für Feuchtigkeitsprobleme im Haus. Das Erstaunliche an ihr: Sie frisst sowohl pflanzliche Lebensmittel als auch tierisches Keratin. Auf ihrem Speiseplan stehen Getreide und Samen ebenso wie Wollstoffe, Teppiche, Pelze und Leder [2].

Die Kornmotte (Nemapogon granellus)

Die Kornmotte ist primär ein Getreideschädling. Ihre Larven spinnen durchsichtige Seidenfäden um Getreidekörner und fressen den nahrhaften Keimling. Doch bei falscher Lagerung oder Nahrungsmangel zeigt sie erstaunliche Anpassungsfähigkeit: Sie ernährt sich dann von stärkehaltigem Leim in alten Bucheinbänden oder zerfrisst Flaschenkorken in Weinkellern [2].

Wie finden Mottenlarven ihre Nahrung?

Da die erwachsenen Weibchen die Eier ablegen, liegt die Verantwortung der Nahrungssuche primär bei ihnen. Sie orientieren sich stark an Gerüchen (olfaktorische Reize). Lebensmittelmotten werden von den Ausdünstungen von Getreide, Nüssen oder Schokolade angezogen [1]. Kleidermotten riechen den Schweiß, Hautschuppen oder das reine Keratin in Wollkleidung.

Sobald die winzigen Larven (oft nur 1 mm groß nach dem Schlüpfen) das Licht der Welt erblicken, sind sie extrem mobil. Sie können sich durch winzige Ritzen zwängen. Bei Lebensmittelmotten ist nachgewiesen, dass frisch geschlüpfte Larven durch Nadellöcher (Pinholes) von nur 0,39 mm Durchmesser in scheinbar verschlossene Verpackungen eindringen können [1]. Dünne Plastikfolien oder Papierverpackungen stellen für die kräftigen Beißwerkzeuge der Larven ohnehin kein Hindernis dar; sie fressen sich einfach hindurch, um an die eigentliche Nahrung zu gelangen [5].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Fressen erwachsene Motten Kleidung oder Lebensmittel?

Nein. Die erwachsenen Falter der Haushaltsmotten haben verkümmerte Mundwerkzeuge und nehmen keine Nahrung auf. Alle Fraßschäden werden ausschließlich von den Mottenlarven (Raupen) verursacht.

Fressen Motten Baumwolle oder synthetische Stoffe?

Kleidermottenlarven können pflanzliche Fasern (Baumwolle) oder Synthetik nicht verdauen. Sie beißen sich jedoch manchmal durch diese Stoffe hindurch, um an Wolle zu gelangen, oder fressen sie an, wenn sie mit Schweiß oder Hautschuppen verunreinigt sind.

Was essen Lebensmittelmotten am liebsten?

Lebensmittelmotten bevorzugen kohlenhydrat- und fettreiche Nahrung. Ganz oben auf dem Speiseplan stehen Nüsse, Mandeln, Getreideprodukte (Mehl, Haferflocken), Schokolade, Trockenobst und Trockentierfutter.

Trinken Motten Wasser?

Erwachsene Motten trinken nicht. Die Larven decken ihren gesamten Flüssigkeitsbedarf über die Restfeuchtigkeit in ihrer Nahrung (z.B. in Getreide oder Wolle) und benötigen kein zusätzliches Wasser.

Fressen Motten auch Papier oder Pappe?

Normale Lebensmittel- und Kleidermotten fressen kein Papier. Sie beißen sich lediglich durch Pappverpackungen hindurch. Eine Ausnahme ist die Kornmotte, die stärkehaltigen Leim in alten Bucheinbänden fressen kann.

Fazit

Die Frage "Was essen Motten?" lässt sich nicht pauschal beantworten, da es stark auf die Mottenart ankommt. Fest steht jedoch: Der erwachsene Falter ist harmlos, die Gefahr geht von den gefräßigen Larven aus. Während Lebensmittelmottenlarven unsere Vorratsschränke plündern und sich an Nüssen, Mehl und Schokolade gütlich tun, haben Kleidermottenlarven dank spezieller Darmbakterien die einzigartige Fähigkeit entwickelt, tierische Haare und Federn (Keratin) zu verdauen. Wer die Speisekarte seiner ungebetenen Gäste kennt, kann gezielt vorbeugen: Lebensmittel in dichte Glas- oder Hartplastikgefäße umfüllen und Wollkleidung stets gewaschen und luftdicht verpackt lagern.

Wissenschaftliche Quellen

  1. Mohandass, S., Arthur, F.H., Zhu, K.Y., Throne, J.E. (2007). Biology and management of Plodia interpunctella (Lepidoptera: Pyralidae) in stored products. Journal of Stored Products Research 43, 302-311.
  2. Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany). (2008). Lebensmittel-MOTTEN: Gesundheits- und umweltgerechte Vorgehensweise. Hamburg.
  3. Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. (2009). Kleidermotte - Information. Regierungspräsidium Stuttgart.
  4. Julius Kühn-Institut (JKI). Plodia interpunctella (Hübner) (Indianmeal moth). Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.
  5. Julius Kühn-Institut (JKI). (2025). Vorräte richtig lagern: kurz, kühl, trocken, insektendicht. Quedlinburg.
  6. Hoflehner, E., et al. (2012). Thioredoxin from the Indianmeal Moth Plodia interpunctella: Cloning and Test of the Allergenic Potential in Mice. PLoS ONE 7(7).
  7. Adler, C., Reichmuth, C. (2013). Untersuchungen zur Abtötung der Dörrobstmotte Plodia interpunctella und des Brotkäfers Stegobium paniceum mit Kälte. Journal für Kulturpflanzen, 65 (3), S. 110–117.
  8. Vilcinskas, A., et al. (2020). Larvae of the Clothing Moth Tineola bisselliella Maintain Gut Bacteria that Secrete Enzyme Cocktails to Facilitate the Digestion of Keratin. Microorganisms, 8, 1415.

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