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Wie viele Augen hat eine Spinne? Alles über das Sehvermögen
April 13, 2026 Patricia Titz

Wie viele Augen hat eine Spinne? Alles über das Sehvermögen

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Die Frage „Wie viele Augen hat eine Spinne?“ scheint auf den ersten Blick simpel: Die meisten Menschen antworten instinktiv mit „acht“. Doch die Welt der Arachnologie ist weitaus komplexer und faszinierender. Während die Acht-Augen-Konfiguration tatsächlich der Standard für die Mehrheit der über 48.000 bekannten Arten ist, gibt es zahlreiche Ausnahmen, die von sechs über zwei bis hin zu gänzlich augenlosen Arten reichen. Das Sehvermögen einer Spinne ist dabei eng mit ihrer Lebensweise, ihrem Jagdverhalten und ihrem spezifischen Habitat verknüpft – sei es in den alpinen Hochlagen der Allgäuer Alpen [5] oder in den schattigen Buchenwäldern Bayerns [4]. In diesem umfassenden Ratgeber tauchen wir tief in die Anatomie der Spinnenaugen ein und erklären, warum die Anzahl der Augen oft über Erfolg oder Misserfolg bei der Jagd entscheidet.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Standardanzahl: Etwa 99 % aller Spinnenarten besitzen acht Augen.
  • Variationen: Es gibt Familien mit sechs Augen (z. B. Dysderidae) oder gar keinen Augen (Höhlenspinnen).
  • Anordnung: Die Position der Augen (Augenfeld) ist ein entscheidendes Merkmal zur Bestimmung der Familie [2].
  • Funktion: Man unterscheidet zwischen Hauptaugen (direktes Sehen) und Nebenaugen (Bewegungserkennung).
  • Spezialisten: Springspinnen (Salticidae) haben das beste Sehvermögen unter den Wirbellosen.

Die Anatomie der Spinnenaugen: Haupt- und Nebenaugen

Spinnen besitzen keine Facettenaugen wie Insekten, sondern sogenannte Punktaugen (Ocellen). Diese sind in zwei Kategorien unterteilt: die Hauptaugen (Anterior Median Eyes, AME) und die Nebenaugen (ALE, PME, PLE). Die Hauptaugen sind meist dunkel und verfügen über eine bewegliche Netzhaut, was der Spinne erlaubt, Objekte zu fixieren, ohne den Körper zu bewegen. Dies ist besonders bei aktiven Jägern wie den Wolfspinnen (Lycosidae) zu beobachten, die in Gebieten wie der Alpe Einödsberg weit verbreitet sind [5].

Die Nebenaugen hingegen besitzen oft ein Tapetum lucidum, eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut, die das restliche Licht verstärkt. Dies verleiht vielen Spinnen eine hervorragende Nachtsicht. Wenn Sie nachts mit einer Taschenlampe über eine Wiese leuchten, reflektieren die Augen von Wolfspinnen wie Alopecosa pulverulenta das Licht wie kleine Diamanten [5]. Diese Lichtreflexion ist ein direktes Resultat der Nebenaugen-Struktur.

Warum acht Augen? Der evolutionäre Vorteil

Die Evolution hat die acht Augen nicht zufällig hervorgebracht. Sie bieten ein nahezu 360-Grad-Sichtfeld. Während die vorderen Augen für die Tiefenwahrnehmung und Detailerkennung zuständig sind, fungieren die seitlichen Augen als hochempfindliche Bewegungsmelder. Für eine Spinne, die in der Krautschicht von Borstgrasrasen lebt, ist es überlebenswichtig, herannahende Fressfeinde aus jedem Winkel zu erkennen [5].

Tipp für Naturbeobachter: Um die Augen einer Spinne zu zählen, benötigen Sie eine Lupe mit mindestens 10-facher Vergrößerung. Achten Sie besonders auf die Anordnung, da diese oft mehr über die Art verrät als die reine Anzahl.

Ausnahmen von der Regel: Spinnen mit sechs oder weniger Augen

Nicht jede Spinne folgt dem Acht-Augen-Schema. In der systematischen Erfassung der Spinnenfauna, etwa in Sachsen-Anhalt, werden regelmäßig Arten dokumentiert, die von dieser Norm abweichen [2].

Die Sechsaugenspinnen (Dysderidae)

Eine prominente Familie mit nur sechs Augen sind die Dysderidae (Sechsaugenspinnen). Zu ihnen gehört die Gattung Harpactea, wie die Art Harpactea lepida, die sowohl in bayerischen Buchenwäldern als auch in den Etsch-Auen Südtirols nachgewiesen wurde [1, 4]. Ihre sechs Augen sind meist in einem engen Halbkreis angeordnet. Da diese Spinnen oft spezialisierte Jäger von Asseln sind und in der Streuschicht oder unter Steinen leben, ist ein 360-Grad-Sichtfeld weniger wichtig als die Fähigkeit, in engen Spalten zu navigieren.

Speispinnen und andere Spezialisten

Auch die Speispinnen (Scytodidae), vertreten durch Scytodes thoracica, besitzen lediglich sechs Augen [2]. Diese sind in drei Paaren angeordnet. Interessanterweise ist Scytodes thoracica die einzige Art ihrer Familie in Mitteleuropa und lebt fast ausschließlich synanthrop, also in der Nähe des Menschen [2]. Ihr Sehvermögen ist auf kurze Distanzen optimiert, um ihre Beute mit einem klebrigen Leimgemisch zu fixieren.

Sehvermögen vs. Tastsinn: Wer sieht am besten?

Die Anzahl der Augen korreliert nicht immer mit der Qualität der Sicht. Man kann Spinnen grob in „Sehspinnen“ und „Tastspinnen“ unterteilen.

Familie Augenanzahl Sehqualität Jagdstrategie
Salticidae (Springspinnen) 8 Exzellent (Farben, Details) Aktives Anpirschen
Lycosidae (Wolfspinnen) 8 Gut (Bewegung, Nachtsicht) Laufjagd am Boden [5]
Linyphiidae (Baldachinspinnen) 8 Mäßig Netzbau [3]

Baldachinspinnen (Linyphiidae), die oft die individuenreichste Gruppe in Ökosystemen wie der Kleinraschützer Heide darstellen [3], verlassen sich primär auf Erschütterungen in ihrem Netz. Ihre acht Augen sind klein und dienen eher der Unterscheidung von hell und dunkel. Im Gegensatz dazu benötigen Wolfspinnen wie Pardosa oreophila in den Hochalpen eine gute Sicht, um Beute im unwegsamen Gelände zu verfolgen [5].

Die Anordnung der Augen als Bestimmungsmerkmal

Für Experten ist die Anordnung der Augen (das Augenviereck) oft wichtiger als die bloße Anzahl. In wissenschaftlichen Studien zur Spinnenfauna, wie sie in Südtirol durchgeführt wurden, ist die Augenstellung ein primäres Merkmal zur Identifikation von Gattungen wie Gongylidium oder Oedothorax [1].

Bei den Wolfspinnen (Lycosidae) sind die Augen in drei Reihen angeordnet: eine untere Reihe mit vier kleinen Augen, darüber zwei sehr große Augen und dahinter zwei mittelgroße Augen. Diese Konfiguration ist so spezifisch, dass man eine Wolfspinne selbst dann erkennt, wenn man nur ihren Kopf sieht. Arten wie Arctosa cinerea, die an naturnahen Flussufern der Etsch leben, nutzen diese Anordnung, um sowohl den Boden als auch den Himmel nach Feinden abzusuchen [1].

Ökologische Bedeutung und Habitat-Einfluss

Untersuchungen zeigen, dass die Habitatstruktur direkten Einfluss auf die Spinnengemeinschaften und somit auf die vorherrschenden „Augentypen“ hat. In intensiv bewirtschafteten Flächen oder urbanen Rasen dominieren oft eurytope Arten mit Standard-Augenkonfigurationen [1]. In spezialisierten Lebensräumen wie den Trockenwiesen der Etschdämme finden sich hingegen thermophile Spezialisten wie Zodarion rubidum [1].

Interessanterweise gibt es auch Spinnen, die ihre Augen im Laufe der Evolution komplett verloren haben. Dies betrifft vor allem Höhlenbewohner (Troglobionten). In absoluter Dunkelheit bietet ein Auge keinen Überlebensvorteil, verbraucht aber Energie. Diese Spinnen verlassen sich stattdessen auf extrem verlängerte Beine und hochempfindliche Tasthaare (Trichobothrien), um ihre Umgebung wahrzunehmen.

Wussten Sie schon?

Spinnenaugen können keine Farben im roten Bereich sehen, dafür aber ultraviolettes Licht. Viele Blumen haben UV-Muster, die für uns unsichtbar sind, aber für eine lauernde Krabbenspinne (Thomisidae) wie ein Landebahn-Signal wirken.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Haben alle Spinnen 8 Augen?

Nein, nicht alle. Während die Mehrheit 8 Augen besitzt, gibt es Familien mit 6, 4, 2 oder gar keinen Augen. Sechs Augen sind beispielsweise typisch für die Familie der Dysderidae.

Können Spinnen im Dunkeln sehen?

Ja, viele Arten besitzen ein Tapetum lucidum in ihren Nebenaugen, das Licht reflektiert und verstärkt. Dies ermöglicht besonders nachtaktiven Jägern wie Wolfspinnen eine gute Orientierung bei wenig Licht.

Welche Spinne sieht am besten?

Springspinnen (Salticidae) haben das schärfste Sehvermögen. Ihre großen Hauptaugen können Details und Farben fast so gut auflösen wie die Augen von Primaten.

Warum haben manche Spinnen keine Augen?

Arten, die in permanenter Dunkelheit leben, wie Höhlenspinnen, haben ihre Augen durch Evolution verloren, da diese in ihrem Habitat keinen Nutzen bringen und Energie sparen.

Wie erkennt man eine Wolfspinne an den Augen?

Wolfspinnen haben eine charakteristische Anordnung in drei Reihen: 4 kleine Augen unten, 2 sehr große in der Mitte und 2 mittelgroße oben/hinten.

Fazit

Die Antwort auf die Frage „Wie viele Augen hat eine Spinne?“ ist ein faszinierendes Fenster in die Evolution und Ökologie dieser Tiere. Ob acht Augen für den Rundumblick in der alpinen Heide [5] oder sechs Augen für das Leben in der Laubstreu [4] – die Natur hat für jedes Habitat die perfekte Lösung gefunden. Das Sehvermögen ist dabei nur ein Teil eines hochkomplexen sensorischen Systems, das Spinnen zu einer der erfolgreichsten Tiergruppen der Erde macht. Wenn Sie das nächste Mal eine Spinne sehen, nehmen Sie sich einen Moment Zeit und versuchen Sie, ihre Augenanordnung zu erkennen – es ist der Schlüssel zu ihrer Identität.

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Quellenverzeichnis

  1. Steinberger, K.-H. (2004): Die Spinnen (Araneae) und Weberknechte (Opiliones) der Etsch-Auen in Südtirol. Gredleriana Vol. 4.
  2. Kielhorn, K.-H. (2015): Webspinnen (Arachnida: Araneae) in Sachsen-Anhalt. Bestandssituation Stand Dezember 2015.
  3. Reimann, A. (2014/2015): Webspinnen (Araneae) und Weberknechte (Opiliones) aus der Kleinraschützer Heide. Sächsische Entomologische Zeitschrift 8.
  4. Engel, K. (2001): Vergleich der Webspinnen und Weberknechte in Buchen- und Fichtenbeständen Bayerns. Arachnol. Mitt. 21.
  5. Höfer, H. et al. (2010): Artenvielfalt und Diversität der Spinnen auf einem beweideten Allgäuer Grasberg (Alpe Einödsberg). Andrias 18.

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