Es ist eines der frustrierendsten Erlebnisse im Gemüsebau: Die Radieschen (Raphanus sativus var. sativus) haben sich prächtig entwickelt, das Laub ist saftig grün, und die roten Knollen leuchten verheißungsvoll aus der Erde. Doch beim Herausziehen offenbart sich das Desaster. Die knackigen Wurzeln sind von kreisrunden, tiefen Löchern durchsiebt, teilweise faulig und für den Verzehr unbrauchbar. Der Übeltäter ist in vielen Fällen der Drahtwurm, die Larve des Schnellkäfers (Elateridae). Während allgemeine Ratgeber oft langwierige Fruchtfolgen für Kartoffeln oder Mais predigen, stellt der Befall von Radieschen den Gärtner vor ein ganz spezifisches Problem: Wie schützt man eine Kultur, die nur vier bis sechs Wochen im Beet steht, vor einem Schädling, der bis zu fünf Jahre im Boden lebt?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Das Feuchtigkeits-Dilemma: Radieschen benötigen konstante Bodenfeuchte, um nicht pelzig zu werden. Genau diese Feuchtigkeit zieht Drahtwürmer aus tieferen Erdschichten an die Oberfläche.
- Zeitliche Überschneidung: Die Hauptfraßzeiten der Drahtwürmer (März bis Mai und September bis Oktober) decken sich exakt mit den optimalen Aussaatzeiten für Radieschen.
- Schadbild-Abgrenzung: Drahtwurmlöcher sind kreisrund (2-4 mm) und tief. Oberflächliche Schabespuren deuten eher auf Schnecken, Fraßgänge mit weißen Maden auf die Kleine Kohlfliege hin.
- Sofortmaßnahme: Köderfallen (Kartoffelhälften) lenken die Schädlinge kurzfristig von den schnell wachsenden Radieschen ab.

Warum Radieschen das perfekte Ziel für Drahtwürmer sind
Drahtwürmer sind extrem polyphag, das heißt, sie fressen an den unterirdischen Teilen fast aller Kultur- und Zierpflanzen [1]. Doch warum sind ausgerechnet Radieschen, Rettiche und andere Wurzelgemüse so stark betroffen? Die Antwort liegt in der Biologie des Schädlings und den Kulturbedingungen der Pflanze.
Die fatale Rolle der Bodenfeuchtigkeit
Drahtwürmer besitzen einen weichen, feuchtigkeitsempfindlichen Körper (trotz ihres harten Chitinpanzers). Bei Trockenheit oder Kälte wandern sie in tiefere Bodenschichten ab, wo sie problemlos ein halbes Jahr ohne Nahrung überdauern können [2]. Radieschen hingegen sind Flachwurzler, die für eine zügige Entwicklung und eine milde Schärfe eine konstant hohe Bodenfeuchtigkeit im oberen Wurzelhorizont benötigen. Trocknen Radieschen aus, werden sie pelzig, holzig und extrem scharf. Durch die notwendige, regelmäßige Bewässerung des Radieschenbeetes entsteht ein Mikroklima, das die Fraßaktivität der Drahtwürmer auch in wärmeren Perioden begünstigt und sie direkt an die Knollen lockt [1].
Kollision der Zeitpläne: Aussaat vs. Fraßphasen
Ein weiteres Problem ist das Timing. In der Regel werden bei Drahtwürmern zwei fraßaktive Phasen pro Jahr beobachtet: eine erste von März bis Mai und eine zweite von September bis Oktober [1, 2]. Radieschen sind typische Kulturen für das Frühjahr und den Spätsommer/Herbst, da sie bei der Sommerhitze im Juli schnell in Blüte (Schossen) gehen. Das bedeutet: Genau dann, wenn die Radieschen ihre fleischigen Knollen bilden, befinden sich die Drahtwürmer in ihrer aktivsten und hungrigsten Phase direkt unter der Bodenoberfläche.
Praxis-Tipp: Das Sommer-Fenster nutzen
Wenn Ihr Garten extrem stark mit Drahtwürmern verseucht ist, können Sie versuchen, hitzetolerante Radieschensorten (z.B. 'Sora' oder 'Riesenbutter') im Hochsommer (Juni/Juli) anzubauen. In dieser Zeit ziehen sich die Drahtwürmer hitzebedingt oft in tiefere Erdschichten zurück. Achten Sie jedoch auf eine Schattierung (z.B. durch ein Netz), um das Schossen der Radieschen zu verhindern.
Diagnose: Ist es wirklich der Drahtwurm?
Bevor Gegenmaßnahmen ergriffen werden, muss der Schädling zweifelsfrei identifiziert werden. An Radieschen gibt es mehrere Schaderreger, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Eine Verwechslungsgefahr besteht vor allem mit der Kleinen Kohlfliege (Delia radicum) und Schnecken [2].
- Drahtwurmfraß: Die Löcher sind kreisrund, haben einen Durchmesser von 2 bis 4 mm und reichen oft tief in das Innere des Radieschens. Die Ränder der Löcher sind meist glatt, und im Inneren der Fraßgänge finden sich oft braune Exkremente [2]. Manchmal steckt der goldgelbe, harte Wurm noch im Loch.
- Kohlfliegen-Maden: Die Maden der Kohlfliege fressen eher unregelmäßige, oft oberflächlichere Gänge, die schnell faulen und braun werden. Die Maden selbst sind weiß, weich und beinlos (typische Fliegenmaden), während Drahtwürmer gelblich-braun sind und drei kurze Beinpaare am Vorderkörper besitzen [3].
- Schneckenfraß: Schnecken verursachen unregelmäßige, flächige Schabespuren an der Knolle, oft begleitet von Schleimspuren. Sie fressen selten tiefe, kreisrunde Tunnel.
- Erdflöhe: Diese befallen in erster Linie die Blätter der Radieschen (Sieb-Fraß), schädigen die Knolle selbst aber nicht direkt.

Spezifische Abwehrstrategien für die Radieschenkultur
Da Radieschen nur eine sehr kurze Kulturdauer haben, greifen langfristige Strategien wie eine mehrjährige Fruchtfolgepause (die im professionellen Kartoffelanbau empfohlen wird [2]) im Hausgarten oft zu kurz. Dennoch gibt es Methoden, um die Ernte zu retten.
1. Ablenkungsfütterung durch Köderfallen
Dies ist die effektivste Methode für schnell wachsende Kulturen wie Radieschen. Da Drahtwürmer stärkehaltige Nahrung lieben, können Sie sie von den Radieschen weglocken. Vergraben Sie etwa eine Woche vor der Radieschen-Aussaat halbierte Kartoffeln mit der Schnittfläche nach unten etwa 5 cm tief in den Boden [2, 3]. Markieren Sie die Stellen mit einem Holzstäbchen. Kontrollieren Sie die Köder alle 3 bis 4 Tage, sammeln Sie die angelockten Drahtwürmer ab und entsorgen Sie diese. Belassen Sie einige Köder auch während der Kulturzeit der Radieschen im Beet, um den Fraßdruck auf die roten Knollen zu minimieren.
2. Gezielte Bodenbearbeitung im Spätsommer
Wenn Sie im Frühjahr starken Befall an Ihren Radieschen hatten, müssen Sie den Entwicklungszyklus des Schädlings unterbrechen. Die weiblichen Schnellkäfer legen ihre Eier bevorzugt von Mai bis Juli in dichte, feuchte Bestände ab [1, 3]. Die daraus schlüpfenden Junglarven sowie die Puppen (die sich im Spätsommer bilden) sind extrem empfindlich gegen Austrocknung. Eine flache Bodenbearbeitung (Hacken, Fräsen) im August und September, idealerweise an heißen, trockenen Tagen, befördert diese empfindlichen Stadien an die Oberfläche, wo sie absterben [2, 3, 6]. Dies reduziert den Befallsdruck für die Radieschen-Aussaat im darauffolgenden Frühjahr massiv.
3. Vorsicht bei der Gründüngung (Biofumigation)
In der Landwirtschaft wird oft die sogenannte Biofumigation empfohlen. Dabei werden kreuzblütlerartige Pflanzen (wie Gelbsenf) angebaut und in den Boden eingearbeitet. Die dabei freiwerdenden Senfölglycoside wirken toxisch auf bodenbürtige Schädlinge [3]. Achtung für Radieschen-Anbauer: Radieschen gehören selbst zu den Kreuzblütlern (Brassicaceae). Wenn Sie Senf als Gründüngung vor Radieschen anbauen, fördern Sie massiv bodenbürtige Krankheiten wie die Kohlhernie! Nutzen Sie zur Gründüngung vor Radieschen stattdessen Phacelia oder Ringelblumen, um die Fruchtfolge gesund zu halten, auch wenn der direkte Effekt auf den Drahtwurm hierbei geringer ist.

Biologische und chemische Bekämpfung: Was funktioniert?
Im Haus- und Kleingarten, aber auch im professionellen Gemüsebau, stehen kaum noch chemische Insektizide zur direkten Bekämpfung von Drahtwürmern zur Verfügung [3, 7]. Die Forschung konzentriert sich daher auf biologische und repellente (abschreckende) Alternativen.
Kalkstickstoff und Niem-Produkte
In Versuchen der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern wurde die Wirkung verschiedener Substanzen getestet. Kalkstickstoff (CaCN2) erwies sich in Laborversuchen als nicht toxisch, zeigte aber eine repellente (vertreibende) Wirkung auf ältere Drahtwurmstadien [1]. Eine Düngung mit Kalkstickstoff vor der Aussaat kann die Würmer kurzfristig aus der oberen Bodenschicht vertreiben, was für die kurze Kulturdauer der Radieschen oft ausreicht. Auch Niempresskuchen (NPK) zeigte in sehr hohen Konzentrationen eine vertreibende Wirkung, in praxisüblichen Freiland-Aufwandmengen blieb der Effekt jedoch aus [1].
Insektenpathogene Pilze (Metarhizium)
Der vielversprechendste Ansatz der letzten Jahre ist der Einsatz von insektenpathogenen Pilzen, insbesondere Stämmen von Metarhizium brunneum oder Metarhizium anisopliae [3, 6, 7]. Diese Pilze kommen natürlich im Boden vor. Ihre Sporen heften sich an den Chitinpanzer des Drahtwurms, keimen aus, dringen in das Insekt ein und töten es ab. Anschließend wächst ein weißes Pilzmyzel aus dem Kadaver [3]. In Feldversuchen konnten mit bestimmten Stämmen (z.B. ART-2825) Wirkungsgrade von bis zu 65 % erreicht werden, abhängig von der genauen Drahtwurmart (Agriotes ustulatus reagierte sensibler als A. sputator) [1]. Entsprechende Präparate (oft als Granulat) werden in die Saatfurche eingebracht. Da der Pilz Zeit braucht, um den Schädling zu infizieren, ist diese Methode eher eine langfristige Sanierungsmaßnahme für das Beet als eine Soforthilfe für bereits keimende Radieschen.
Warnung: Keine Nematoden gegen Drahtwürmer
Oft werden im Handel HM-Nematoden (Heterorhabditis bacteriophora) gegen Boden-Schädlinge angeboten. Während diese hervorragend gegen Dickmaulrüssler-Larven oder Engerlinge wirken, sind sie gegen Drahtwürmer weitgehend wirkungslos. Der harte Chitinpanzer und die Abwehrmechanismen des Drahtwurms verhindern ein erfolgreiches Eindringen der Fadenwürmer. Sparen Sie sich dieses Geld bei einem reinen Drahtwurm-Problem.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann man Radieschen mit Drahtwurmlöchern noch essen?
Ja, gesundheitlich ist das völlig unbedenklich. Schneiden Sie die Fraßgänge großzügig heraus. Achten Sie jedoch darauf, dass sich in den Gängen keine sekundäre Fäulnis oder Schimmel gebildet hat. Stark faulige Knollen sollten auf den Kompost.
Wann ist die beste Zeit, um Radieschen drahtwurmfrei anzubauen?
Die Hauptfraßzeiten der Drahtwürmer sind März bis Mai und September bis Oktober. Ein Anbau im Hochsommer (Juni/Juli) umgeht diese Phasen oft, erfordert bei Radieschen aber hitzetolerante Sorten und viel Wasser, um ein Schossen zu verhindern.
Helfen Nematoden gegen Drahtwürmer im Radieschenbeet?
Nein, die handelsüblichen Nematoden (z.B. gegen Dickmaulrüssler) können den harten Chitinpanzer der Drahtwürmer nicht durchdringen. Wirksamer sind Präparate auf Basis des insektenpathogenen Pilzes Metarhizium.
Warum sind meine Radieschen befallen, obwohl ich jedes Jahr das Beet wechsle?
Drahtwürmer haben einen Lebenszyklus von 3 bis 5 Jahren und sind extrem polyphag (sie fressen fast alles). Ein einfacher Beetwechsel reicht oft nicht aus, da die Larven bereits im gesamten Gartenboden verteilt sein können.
Wie lange dauert es, bis Köderfallen wirken?
Kartoffelhälften, die als Köder ausgelegt werden, locken Drahtwürmer bereits nach wenigen Tagen an. Sie sollten die Fallen alle 3 bis 4 Tage kontrollieren, die Würmer absammeln und den Köder bei Bedarf erneuern.
Fazit
Der Anbau von Radieschen in drahtwurmverseuchten Böden gleicht oft einem Glücksspiel. Da die Schädlinge genau dann in den oberen Bodenschichten aktiv sind, wenn die Radieschen ihre Knollen bilden, und zudem von der benötigten Feuchtigkeit angelockt werden, sind Fraßschäden vorprogrammiert. Wer jedoch die Biologie des Schnellkäfers versteht, kann gegensteuern: Nutzen Sie Kartoffel-Köderfallen als Sofortmaßnahme, um die Würmer von den Radieschen abzulenken. Langfristig hilft eine konsequente, flache Bodenbearbeitung im Spätsommer, um die Population durch Austrocknung der Eier und Puppen zu dezimieren. Wer zusätzlich auf biologische Präparate wie Metarhizium-Pilze setzt, kann den Befallsdruck über die Jahre deutlich senken und sich wieder auf knackige, unversehrte Radieschen aus dem eigenen Garten freuen.
Wissenschaftliche Quellen & Referenzen
- Ritter, C. & Katroschan, K.-U. (2011): Möglichkeiten der Bekämpfung von Drahtwürmern (Agriotes spp.) im Gemüsebau. Info-Blatt 4/2011, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV.
- Fähndrich, S. et al. (2022): Qualitätsmerkblatt Drahtwürmer. swisspatat / Agroscope.
- Guyer, A., Baur, B. & Grabenweger, G. (2020): Drahtwürmer – Möglichkeiten der Regulierung. Agroscope Merkblatt Nr. 118 / 2020.
- Lehmhus, J. & Niepold, F. (2013): New finds of the click beetle Agriotes sordidus (Illiger, 1807) and an overview on its current distribution in Germany. Journal für Kulturpflanzen, 65 (8).
- AGES - Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: Drahtwürmer - Schnellkäfer (Agriotes sp.). Fachinformation Pflanzengesundheit.
- Bussereau, F. (2024): Kurative Massnahmen gegen Drahtwürmer (Agriotes spp.) in Kartoffelkulturen. Agrarforschung Schweiz.